Die 10 bedeutendsten antiken Ruinen im Irak
Das heutige Irak ist Mesopotamien — das 'Land zwischen den Flüssen' Euphrat und Tigris, in dem die älteste urbane Zivilisation der Menschheit entstand. Hier, auf dem flachen Schwemmland Südiraks, wurden vor mehr als 5.000 Jahren die ersten Städte gebaut, die erste Schrift erfunden, die ersten Gesetze kodifiziert, die ersten Bibliotheken angelegt. Babylon, Ur, Uruk, Nimrud, Ninive — diese Namen sind keine Mythologie, sondern reale Orte, die ausgegraben werden können und deren Ruinen teilweise heute noch zugänglich sind, trotz Jahrzehnten von Konflikt, Plünderung und Vernachlässigung.
1. Babylon, Babil
Babylon war die Hauptstadt des babylonischen Reiches und in seiner Blütezeit unter Nebukadnezar II. (604–562 v. Chr.) eine der größten Städte der antiken Welt. Hier lagen die mythischen Hängenden Gärten — eines der Sieben Weltwunder, deren genaue Lage bis heute ungeklärt ist — sowie das Ischtar-Tor, dessen Rekonstruktion im Berliner Pergamonmuseum steht, während die Originalblauziegelwände noch teilweise am Ort vorhanden sind. Das Marduk-Heiligtum Esagila und der Zikkurat Etemenanki (vermutlich Vorbild für den Turm zu Babel) prägen die Topographie. Saddam Husseins Restaurierungsprojekte der 1980er Jahre haben das Erscheinungsbild der Stätte verändert. UNESCO-Welterbe seit 2019.
2. Ur, Dhi Qar
Ur war eine der bedeutendsten sumerischen Stadtstaaten und Heimat des biblischen Abraham laut der Genesis. Die Stadt blühte zwischen etwa 2600 und 500 v. Chr. mit einer kurzen Phase politischer Vorherrschaft in der Ur-III-Periode (um 2100 v. Chr.). Der Zikkurat von Ur, errichtet von Ur-Nammu und seiner Dynastie, ist erstaunlich gut erhalten: drei Terrassen aus gebrannten Ziegeln ragen noch über die Ebene. Die Königsgräber von Ur, ausgegraben von Leonard Woolley in den 1920er Jahren, lieferten Goldschmuck, Lyren und rituelle Massenbestattungen von einer Pracht, die die Welt erschaudern ließ. UNESCO-Welterbe seit 2016.
3. Hatra, Ninawa
Hatra war eine parthische Großstadt und zeitweise Königsresidenz im nordirakischen Steppengebiet, blühend zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 3. Jahrhundert n. Chr. Die Stadt widerstand zweimal römischen Belagerungen — unter Trajan und Septimius Severus. Das Heiligtum im Zentrum mit seinen großen Iwanen (hallenartigen Torbögen) gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen parthischer Architektur. Im Februar 2015 zerstörten IS-Kämpfer Skulpturen und Monumente; erhebliche Teile der Stätte wurden beschädigt, die Grundstruktur blieb aber bestehen. UNESCO-Welterbe seit 1985.
4. Nimrud (Kalhu), Ninawa
Nimrud war die Hauptstadt des assyrischen Reiches im 9. und 8. Jahrhundert v. Chr., errichtet unter Assurnasirpal II. und weiter ausgebaut unter Salmanassar III. Ausgrabungen durch Austen Henry Layard im 19. Jahrhundert brachten die berühmten Lamassu — geflügelte Stierkolosse — ans Licht, von denen einige heute im British Museum und im Metropolitan Museum stehen. Im November 2015 sprengten IS-Kämpfer das Nordwestpalast-Areal und die Zitadelle mit Bulldozern und Sprengstoff — eines der schlimmsten Kulturvergehen der jüngsten Geschichte. Teile der Stätte sind noch vorhanden; internationale Restaurierungsinitiativen laufen.
5. Ninive (Mossul-Umland), Ninawa
Ninive war die Hauptstadt des neuassyrischen Reiches unter seinen mächtigsten Königen — Sanherib, Asarhaddon und Assurbanipal — und in seiner Blütezeit im 7. Jahrhundert v. Chr. möglicherweise die größte Stadt der Welt. Die Bibliothek des Assurbanipal, die über 30.000 Keilschrifttafeln enthielt, wurde hier gefunden; sie ist heute das bedeutendste Keilschriftarchiv überhaupt. Der IS zerstörte 2015 die rekonstruierten assyrischen Tore, darunter das Mashqi- und das Nergal-Tor. Ausgrabungen und Konservierungsmaßnahmen sind wieder aufgenommen worden.
6. Ctesiphon (Taq Kasra), Bagdad-Umland
Der Taq Kasra — der gewölbte Iwan der sassanidischen Hauptstadt Ctesiphon — ist der größte freistehende Backsteinbogen der Welt aus vorislamischer Zeit, mit einer Spannweite von rund 25 Metern und einer Höhe von fast 35 Metern. Ctesiphon war die Hauptstadt des Partherreiches und später des Sassanidenreiches; seine Zerstörung durch die arabischen Heere 637 n. Chr. markiert das Ende der antiken Weltmacht. Von der gewaltigen Palastanlage ist heute nur noch eine Flügelhälfte des Iwans erhalten. Der Bau steht unter akutem Einsturzrisiko.
7. Uruk (Warka), Dhi Qar
Uruk ist eine der bedeutendsten archäologischen Stätten der Welt: die erste Großstadt der menschlichen Geschichte, bewohnt ab rund 4000 v. Chr., mit einer Blütephase um 3200–3000 v. Chr. in der sogenannten Uruk-Periode, während der die Schrift, die Metallurgie, die Bildhauerkunst und die Stadtplanung ihre frühesten monumentalen Formen annahmen. Die Weißen Tempel auf dem Anu-Ziggurat und das Eanna-Temenos sind die ältesten Monumentalbauten der Menschheit. Ausgrabungen hauptsächlich durch deutsche Teams seit dem späten 19. Jahrhundert haben das Bild dieser Stätte geprägt. UNESCO-Welterbe (als Teil des Ahwar-Erbes) seit 2016.
8. Eridu, Dhi Qar
Eridu gilt in der sumerischen Überlieferung als die erste Stadt überhaupt — 'die Stadt, die als erste vom Himmel abstieg'. Archäologisch ist Eridu einer der tiefsten Besiedlungsschnitte Mesopotamiens mit Keramikfunden, die bis ins 5. Jahrtausend v. Chr. zurückreichen. Ein Tempel wurde auf demselben Ort in mindestens 18 aufeinanderfolgenden Schichten übereinander gebaut — der archäologische Beweis für die Kontinuität des Kultes über Jahrtausende. Die Stätte liegt im Südirak, nahe dem modernen Nassiriyya, und ist Teil des UNESCO-Erbes der irakischen Marschen.
9. Ashur (Qal'at Sherqat), Salah ad-Din
Ashur war die erste Hauptstadt und religiöse Hauptstadt des assyrischen Reiches, gelegen am westlichen Ufer des Tigris. Die Stadt war dem Gott Assur geweiht und blieb das religiöse Herz Assyriens selbst dann, wenn die politische Hauptstadt nach Nimrud oder Ninive verlegt wurde. Ausgrabungen des Deutschen Orient-Gesellschaft ab 1903 haben bedeutende Tempel, Paläste und Königsgräber freigelegt. UNESCO-Welterbe seit 2003, allerdings auch auf der Roten Liste gefährdeter Welterbestätten.
10. Nippur, Dhi Qar
Nippur war die heilige Stadt Enlils — des sumerischen Herrn der Winde und Götter — und übte über Jahrhunderte eine religiöse Autorität aus, die keine politische Macht hatte, aber die Legitimität der Herrschaft verlieh: Kein Herrscher galt als rechtmäßiger König Sumers und Akkads, ohne zuvor von Enlil in Nippur anerkannt worden zu sein. Ausgrabungen, hauptsächlich durch amerikanische Teams seit dem späten 19. Jahrhundert, haben die Nippur-Tafeln geliefert — eine der wichtigsten Quellen für sumerische Literatur, Mythologie und Schulweisheit.
Praktische Hinweise
Die Sicherheitslage im Irak hat sich seit 2017 in weiten Teilen des Landes stabilisiert; viele Stätten in den südlichen Provinzen und in der Kurdistan-Region sind zugänglich. Reisende sollten aktuelle Reisehinweise ihrer Regierungen konsultieren und sich vor Ort an kundige Guides wenden. Ur, Uruk und Eridu liegen im Südirak; Nimrud, Ninive und Hatra im Norden. Alle Fundorte auf der Karte zeigen die genauen Positionen.