Die 10 bedeutendsten antiken Ruinen in Mesopotamien
Mesopotamien — das 'Land zwischen den Flüssen' Tigris und Euphrat — ist die Wiege der städtischen Zivilisation. Hier, im heutigen Irak und in Teilen Syriens, entstanden vor mehr als fünftausend Jahren die ersten Großstädte der Menschheit, die ersten Schriftsysteme, die ersten Gesetzeskodizes, die ersten Bibliotheken. Sumer, Akkad, Babylonien, Assyrien — jede dieser Kulturen baute auf den Fundamenten der vorherigen auf und hinterließ Monumentalbauten aus ungebrannten oder glasierten Lehmziegeln, die der Zeit weit weniger gut widerstanden als Stein. Was wir heute sehen, sind oft gewaltige Erderhebungen (Tells), deren Inneres Ausgrabungskampagnen über Jahrzehnte nur in Teilen freigelegt haben. Die Geschichte Mesopotamiens ist noch lange nicht vollständig erzählt.
1. Babylon, Irak
Babylon, Hauptstadt des babylonischen Reiches und unter Nebukadnezar II. (605–562 v. Chr.) eine der größten Städte der Antike, liegt fünfundneunzig Kilometer südlich von Bagdad. Die antike Stadt umfasste zu ihrer Blütezeit eine Fläche von mehreren Quadratkilometern; von den sieben Weltwundern der Antike soll eines — die Hängenden Gärten — hier gestanden haben (wobei die archäologische Evidenz dafür bis heute fehlt). Erhalten und teilweise restauriert sind Überreste des Ischtar-Tors (das Original im Pergamonmuseum Berlin), der Prozessionsstraße, des Nebukadnezar-Palastes und des Ninmah-Tempels. UNESCO-Welterbe seit 2019.
2. Ur, Irak
Ur, am Rande des heutigen Tells el-Muqayyar, war eine der bedeutendsten sumerischen Stadtstaaten, bewohnt von etwa 3800 v. Chr. bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. Der Ziggurat von Ur, erbaut unter König Ur-Nammu um 2100 v. Chr. und von Nabonid im 6. Jahrhundert v. Chr. restauriert, ist mit drei erhaltenen Terrassen einer der besterhaltenen Zikkurate Mesopotamiens. Die 'Königsgräber von Ur', ausgegraben von Leonard Woolley in den 1920er und 1930er Jahren, enthielten prachtvolle Grabbeigaben aus Gold, Lapislazuli und Karneol sowie Belege für Menschenopfer. UNESCO-Welterbe.
3. Uruk, Irak
Uruk — das Erech der Bibel — gilt als die erste Großstadt der Menschheitsgeschichte, bewohnt ab etwa 4500 v. Chr. und um 3200 v. Chr. mit einer geschätzten Bevölkerung von vierzigtausend Menschen. In Uruk entstand die älteste bekannte Schrift (proto-keilschriftlich, um 3300 v. Chr.), und hier lebte nach dem Gilgamesch-Epos der legendäre König Gilgamesch. Der mächtige Eanna-Tempelkomplex und der Anu-Ziggurat, der 'Weiße Tempel', sind die bedeutendsten erhaltenen Strukturen. Uruk liegt in der südirakischen Wüste und ist Teil des UNESCO-Welterbes 'Ahwar des südlichen Irak'.
4. Nineveh, Irak
Nineveh, die letzte Hauptstadt des Neuassyrischen Reiches, liegt am Ostufer des Tigris gegenüber dem modernen Mossul. Unter Sanherib (705–681 v. Chr.) war Nineveh möglicherweise die größte Stadt der Welt mit einem mächtigen Palastkomplex, dem sogenannten 'Palast ohne Gleichen', dessen Reliefplatten heute in internationalen Museen zu sehen sind. Die Stadtmauern mit ihren fünfzehn Toren — darunter das teilweise restaurierte Adad-Tor — sind noch in Teilen erhalten. Die Stätte erlitt durch den IS erhebliche Zerstörungen in den Jahren 2014–2016, Restaurierungsarbeiten sind im Gange.
5. Hatra, Irak
Hatra war die Hauptstadt des Arsakiden-Königreichs von Hatra, ein parthisches Vasallenkönigreich, das zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert n. Chr. blühte und zweimal erfolgreiche Belagerungen durch das Römische Reich widerstand. Die kreisförmige Stadtanlage mit einem monumentalen Tempelkomplex — einem der besterhaltenen parthischen Sakralbaukomplexe — verbindet griechisch-römische und orientalische Architekturelemente auf einzigartige Weise. Hatra wurde 2015 durch den IS schwer beschädigt; wesentliche Teile sind zerstört. UNESCO-Welterbe seit 1985.
6. Ctesiphon (Taq Kasra), Irak
Ctesiphon, die Hauptstadt des Sassanidenreichs, liegt am Tigris südöstlich von Bagdad. Das einzige noch aufrecht stehende Überbleibsel der einst gewaltigen Stadt ist der Taq Kasra — der gewaltige Iwanbogen des Sassaniden-Palastes, erbaut wahrscheinlich unter Chosrau I. (531–579 n. Chr.). Mit einem Spannweite von rund fünfundzwanzig Metern und einer Scheitelhöhe von etwa vierzig Metern ist es der größte ungestützte Ziegelbogen der Welt. Die umliegende Stadt ist weitgehend unergraben; Teile des Baus sind durch Tigrishochwasser und fehlenden Schutz gefährdet.
7. Nimrud (Kalhu), Irak
Nimrud, das biblische Kalah, war eine der Residenzstädte der neuassyrischen Könige, gegründet als Hauptstadt von Assurnasirpal II. um 879 v. Chr. Die Ausgrabungen des 19. und 20. Jahrhunderts legten prachtvolle Reliefs und Elfenbeinschnitzereien sowie gigantische Lamassu-Figuren (menschenköpfige Stierkolosse) frei, von denen viele in internationalen Museen bewahrt werden. Die Goldschätze der assyrischen Königinnen, entdeckt 1988–1989 in ungestörten Grabkammern, gehören zu den bedeutendsten Goldfunden des 20. Jahrhunderts. Der IS zerstörte 2015 wesentliche Teile der sichtbaren Anlage.
8. Assur, Irak
Assur, die erste Hauptstadt des assyrischen Reiches und heilige Stadt des Gottes Aššur, liegt am Westufer des Tigris nördlich von Bagdad. Die Stätte ist dauerhaft von etwa 2600 v. Chr. bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. besiedelt worden. Der Tempel des Gottes Aššur, mehrfach übergebaut, war das religiöse Zentrum des assyrischen Weltreiches. Assur ist UNESCO-Welterbe seit 2003 und steht gleichzeitig auf der Roten Liste des bedrohten Welterbes, da ein Staudammprojekt Teile der Stätte zu überfluten drohte.
9. Nippur, Irak
Nippur im mittleren Irak war über mehr als dreitausend Jahre lang eine der wichtigsten religiösen Städte Mesopotamiens — als Kultort des sumerischen Windgottes Enlil genoss die Stadt eine Heiligkeit, die auch durch politische Machtwechsel nicht angetastet wurde. Babylonier, Assyrer und Perser respektierten Nippurs neutralen religiösen Status. Der Ekur-Tempel und der Ziggurat des Enlil sind als Erdhügel noch sichtbar. Amerikanische Ausgrabungen seit dem späten 19. Jahrhundert lieferten Tausende von Keilschrifttafeln, darunter Schulübungen, Mythen und Wirtschaftsdokumente.
10. Mari (Tell Hariri), Syrien
Mari am mittleren Euphrat, heute im syrischen Gouvernement Deir ez-Zor, war um 2900–1759 v. Chr. eine der bedeutendsten Stadtstaaten Mesopotamiens. Der Palast des Zimri-Lim aus dem frühen 2. Jahrtausend v. Chr. umfasste über dreihundert Räume und beherbergte ein königliches Archiv von mehr als zwanzigtausend Keilschrifttafeln — eine der bedeutendsten Quellen für das politische, wirtschaftliche und religiöse Leben der altbabylonischen Zeit. Französische Ausgrabungen seit 1933 haben die Stätte systematisch erforscht; der aktuelle Sicherheitszustand in der Region beschränkt den Zugang.
Praktische Hinweise
Der Zugang zu mesopotamischen Stätten im Irak ist komplex und erfordert eine sorgfältige Vorbereitung: Die politische und Sicherheitslage variiert regional erheblich. Ur und Teile des syrischen Mari sind für organisierte Reisen zugänglicher als Stätten im Umfeld von Mossul. Das Irakische Nationalmuseum in Bagdad bewahrt die bedeutendsten Objekte und ist für Besucher mit Voranmeldung zugänglich. Wer die geographische Verteilung mesopotamischer Stätten erkunden möchte, findet eine umfassende Übersicht auf der Karte, die auch wenig bekannte Ausgrabungsorte erfasst.