Der Stein von Rosette und die Entzifferung
Ein Stein mit drei Gesichtern
Im Juli 1799 stießen Soldaten der französischen Armee in der Hafenstadt Rosette (arabisch: Rashid) im Nildelta beim Ausheben von Fundamenten auf eine schwarze Granitplatte. Die Platte war oben an der Ecke abgebrochen, aber das, was erhalten blieb, war außergewöhnlich: eine Inschrift in drei Schriften übereinander — hieroglyphische Zeichen, eine kursive ägyptische Schrift, die damals niemand kannte, und altgriechischer Text. Dass die drei Passagen denselben Inhalt haben könnten, war sofort klar; was das bedeutete, sollten Gelehrte über zwanzig Jahre beschäftigen.
Der Stein von Rosette, wie er seither heißt, enthält einen Priestererlass aus dem Jahr 196 vor Christus, erlassen zu Ehren des Königs Ptolemaios V. Der Text ist keine Dichtung, keine Philosophie — er ist eine bürokratische Verlautbarung, die dem König für seine Wohltaten gegenüber den Priestern dankt und Anordnungen über Kultpraktiken trifft. Sein welthistorische Bedeutung verdankt er nicht seinem Inhalt, sondern seiner dreisprachigen Form.
Das Problem der Hieroglyphen
Für Gelehrte des 17. und 18. Jahrhunderts war die Hieroglyphenschrift ein undurchdringliches Rätsel. Koptische Priester — die Nachfahren der alten Ägypter, die eine Form des Spätägyptischen in Gottesdienst bewahrten — konnten die Hieroglyphen nicht lesen. Die letzten Menschen, die sie schrieben, lebten irgendwann im 4. oder 5. Jahrhundert nach Christus; mit dem Ende des Heidentums in Ägypten verschwand das Wissen um ihre Bedeutung.
Die verbreitete Vorstellung, dass Hieroglyphen eine Art geheime, symbolische Sprache seien — jedes Zeichen stehe für einen mystischen Begriff — ging auf den spätantiken Autor Horapollon zurück, dessen 'Hieroglyphica' im 15. Jahrhundert auf Griechisch kursierte. Diese Fehlannahme lenkte Gelehrte jahrhundertelang in die falsche Richtung: Man versuchte, Hieroglyphen als Symbolrätsel zu lesen, statt als phonetisches System.
Champollion und der Durchbruch
Die Entzifferung war ein europäisches Wettrennen, an dem mehrere Gelehrte teilnahmen. Thomas Young, ein britischer Physiker und Universalgelehrter, machte in den Jahren nach dem Erwerb des Steins durch das British Museum (1802) wichtige Vorarbeit: Er erkannte, dass die in ovalen Rahmen — sogenannten Kartuschen — eingeschlossenen Hieroglyphen Königsnamen enthielten, und konnte einige phonetische Werte der Zeichen korrekt bestimmen. Aber er blieb bei der Annahme stecken, dass Hieroglyphen nur teilweise phonetisch seien.
Jean-François Champollion, ein französischer Philologe aus Figeac, der seit seiner Kindheit Arabisch, Koptisch, Hebräisch und weitere Sprachen erlernt hatte, setzte Young's Erkenntnisse fort und überschritt sie. Am 14. September 1822 — dem Datum, das in der Geschichte der Ägyptologie gefeiert wird — entzifferete Champollion die Kartuschen mehrerer Ptolemäer-Könige und erkannte das entscheidende Prinzip: Hieroglyphen sind ein gemischtes System, das phonetische Silbenzeichen, Alphabetzeichen und Ideogramme kombiniert. Am selben Tag soll er in das Büro seines Bruders gerannt sein, einen Satz gerufen haben — 'Je tiens l'affaire!' — und dann ohnmächtig geworden sein vor Aufregung.
Champollions 'Lettre à M. Dacier', in der er seine Entdeckungen darlegte, ist eines der bedeutenden Dokumente der Geisteswissenschaften.
Was der Rosette-Stein erschloss
Die unmittelbare Konsequenz der Entzifferung war, dass plötzlich Tausende von Inschriften lesbar wurden, die Jahrhunderte lang stumm dagestanden hatten. Die Wände der Tempel in Karnak, Luxor, Abu Simbel, Dendera — all die langen Textspalten, die Rituale beschrieben, Göttergeschichten erzählten und Herrschertaten festhielten — wurden innerhalb weniger Jahrzehnte zugänglich.
Gleichzeitig eröffnete die Entzifferung der Hieroglyphen ein methodisches Modell für die Erschließung anderer unbekannter Schriften. Der Grundgedanke — dass man zweisprachige oder mehrsprachige Texte nutzen kann, um phonetische Systeme zu rekonstruieren — wurde auf andere Schriftsysteme angewandt. Die Keilinschrift, in der Babylonisches und Altpersisches verschlüsselt waren, wurde in ähnlicher Weise durch mehrsprachige Inschriften aufgeschlossen, unter anderem durch Henry Rawlinsons Arbeiten am Behistun-Felsen in den 1840er Jahren.
Andere Schriften widersetzten sich dem Zugang noch länger: Linear A, die Schrift der minoischen Kultur auf Kreta, ist bis heute nicht entziffert, weil keine zweisprachige Inschrift existiert, die als Schlüssel dienen könnte. Linear B, eine verwandte Schrift, wurde 1952 durch den britischen Architekten Michael Ventris als frühe Form des Griechischen entschlüsselt — ohne Rosette-Äquivalent, durch reine kombinatorische Analyse.
Der Stein als Objekt und politisches Symbol
Der originale Rosette-Stein kam 1802 nach England, nachdem die Briten die Franzosen in Ägypten besiegten und im Vertrag von Alexandria stipulierten, dass die von der Napoleonischen Expedition gesammelten Altertümer an die britische Krone fallen würden. Er steht seither im British Museum in London, wo er zu den meist besuchten Objekten gehört.
Ägypten fordert seit Jahrzehnten die Rückgabe des Steins. Das British Museum hat sie bislang verweigert, mit Verweis auf die Zugänglichkeit des Objekts für internationale Besucher — ein Argument, das in der gegenwärtigen Debatte um Repatriierung von Kulturgütern zunehmend hinterfragt wird. 2022, anlässlich des 200. Jahrestags von Champollions Entdeckung, begann eine öffentliche Diskussion in Großbritannien, ob eine dauerhafte Leihgabe nach Ägypten möglich wäre.
Das Erbe der Entzifferung
Die Entzifferung der Hieroglyphen veränderte unser Bild der ägyptischen Zivilisation fundamental. Vor Champollion wusste man von den alten Ägyptern vor allem das, was griechische und römische Schriftsteller über sie berichteten. Danach konnten die Ägypter selbst sprechen: in Verwaltungstexten, Liebesdichtung, medizinischen Handbüchern, religiösen Ritualen und biographischen Inschriften, die individuelles Leben beschrieben.
Auf der Karte lassen sich die Stätten erkunden, deren Inschriften durch Champollions Entzifferung erstmals lesbar wurden — von Karnak bis zum Ramesseum, von Abu Simbel bis Dendera. Hinter jedem dieser Monumente stehen nun nicht nur Steine, sondern Texte.