Die Geschichte von Petra
Eine Stadt, die der Stein schuf
In einem Gebirgskessel im südlichen Jordanien, umgeben von zerklüfteten Sandsteinmassiven, deren Farben von cremeweiß bis tief violett wechseln, entstand eine Stadt, die ihre Architektur nicht errichtete, sondern aus dem Fels schnitt. Petra — auf Griechisch schlicht 'Fels' — war die Hauptstadt eines Handelsreiches, das für mehrere Jahrhunderte den Weihrauch- und Gewürzhandel zwischen dem Arabischen Meer und dem Mittelmeer kontrollierte. Die Nabataeer, das Volk, das Petra erbaute, hinterließen kein schriftliches Erbe, das uns ihre eigene Geschichte erzählen würde. Was wir haben, sind die Felsen selbst.
Der Zugang zur Stadt erfolgt durch den Siq — eine rund 1,2 Kilometer lange Schlucht, deren Wände sich bis zu 80 Meter hoch erheben und stellenweise so eng werden, dass das Tageslicht kaum hindurchdringt. Am Ende öffnet sich die Schlucht auf die Fassade des Khazneh, das 'Schatzhaus' des Volksmuds — eine rund 40 Meter hohe Frontwand, in den Fels gehauen mit Säulen, Giebeln und einer Urne an der Spitze, in der Einheimische einst Pharaonengold vermuteten. Tatsächlich war es ein Grabmal, wahrscheinlich für einen der letzten Nabataeer-Könige.
Das Nabataeer-Reich: Händler als Staatsgründer
Die Nabataeer treten in den historischen Quellen erstmals im 4. Jahrhundert vor Christus auf, als ein arabisches Nomadenvolk, das die griechischen Truppen des Antigonos I. abwehrte. Doch nomadisch waren sie nur kurz: Bis zum 2. Jahrhundert vor Christus hatten sie ein sesshaftes Handelsreich aufgebaut, das Petra als Knotenpunkt nutzte. Weihrauch aus dem heutigen Jemen und Oman, Gewürze aus Indien, Seide aus China, Balsam aus der Region um das Tote Meer — all das lief durch Petra.
Die Nabataeer verstanden das Wasser wie kaum ein anderes Volk: In einer kargen Gebirgslandschaft mit weniger als 100 Millimetern Jahresniederschlag bauten sie ein ausgeklügeltes System aus Zisternen, Dämmen und Kanälen, das Regenwasser aus den winterlichen Überflutungsereignissen sammelte und für das ganze Jahr speicherte. Dieses hydraulische Ingenieurswerk war die eigentliche Grundlage der Stadt — ohne Wasser keine Bevölkerung, ohne Bevölkerung keine Handelskarawanen.
Blüte und Absorption ins Römische Reich
Petra erlebte seine Blüte zwischen dem 1. Jahrhundert vor Christus und dem 1. Jahrhundert nach Christus. Unter Königen wie Aretas IV. (9 vor Christus bis 40 nach Christus) wurde die Stadt mit Tempeln, Säulenstraßen, einem Nymphaion und einem Amphitheater ausgestattet — eine hellenistische Stadtanlage, die sich nahtlos in die zeitgenössische Architektur der östlichen Mittelmeerwelt einfügte, jedoch immer in den Fels eingebettet oder an ihn angelehnt.
Im Jahr 106 nach Christus annektierte Kaiser Trajan das Nabataeer-Reich ohne militärische Gegenwehr und machte es zur römischen Provinz Arabia Petraea. Petra wurde Provinzhauptstadt, verlor aber mit der Zeit an Bedeutung: Die Römer förderten Bosra als neue Hauptstadt, und die Handelsrouten verlagerten sich zunehmend auf Seewege, die über das Rote Meer direkt nach Indien führten — an Petra vorbei.
Im 4. Jahrhundert war Petra eine christliche Stadt, Sitz eines Bischofs. Nach der arabischen Expansion des 7. Jahrhunderts und einem schweren Erdbeben um 363 nach Christus, das Teile der Stadt zerstörte, verlor Petra schrittweise seine Bevölkerung.
Die 'Wiederentdeckung' durch Burckhardt
Im Jahr 1812 betrat der Schweizer Orientalist Johann Ludwig Burckhardt die Stadt als erster Europäer der modernen Zeit. Burckhardt reiste verkleidet als muslimischer Pilger, denn die Region galt als gefährlich für Europäer; er überredete einen lokalen Führer, ihn zu einer Opferzeremo am 'Haroun-Berg' zu begleiten — dem Ort, an dem Aaron, der Bruder des Moses, begraben sein soll. Dabei passierte er unweigerlich den Siq und erblickte das Khazneh.
Burckhardt konnte sich nicht lange aufhalten, ohne Verdacht zu erregen, und seine Aufzeichnungen sind daher fragmentarisch. Aber sein Bericht, 1822 posthum veröffentlicht, schlug in Europa ein wie eine Bombe. Innerhalb weniger Jahre folgten weitere europäische Reisende, und Petra wurde zu einem der romantischen Reiseziele des 19. Jahrhunderts.
Die Formulierung 'Wiederentdeckung' verdient eine Einschränkung: Petra war nie wirklich vergessen. Die Beduinen des Stammes der Bdoul wohnten in den Felsengräbern und kannten die Stätte seit Jahrhunderten. Was Burckhardt leistete, war die Bekanntmachung im europäischen akademischen und touristischen Kontext.
Was die Ausgrabungen zeigen
Systematische archäologische Arbeit in Petra begann erst im 20. Jahrhundert und intensivierte sich nach 1958 unter jordanischer Verwaltung. Die Stätte ist riesig — rund 264 Quadratkilometer — und erst ein kleiner Bruchteil ist ausgegraben. Georadar-Untersuchungen in den 2000er Jahren enthüllten unter dem bekannten touristischen Zentrum ein monumentales Gebäude, möglicherweise ein weiterer großer Tempel oder ein Verwaltungsgebäude, das bis heute unausgegraben ist.
Die Fassaden der Felsgräber — von denen es über 800 gibt, in verschiedenen Stiltypen von schlicht bis hochornamental — sind das bekannteste Merkmal Petras. Doch die Stadt bestand nicht nur aus Gräbern: Es gab einen Kolonnadenweg, einen großen Tempel, eine Qasr al-Bint genannte Tempelanlage am Stadtende, Thermen und Wohngebiete, von denen viele noch unter Schutt und Erde verborgen sind.
Petra heute
Petra wurde 1985 zum UNESCO-Welterbe erklärt und zählt zu den bekanntesten Stätten der Welt. Die jordanische Regierung hat Millionen in Infrastruktur, Besucherzentren und Konservierung investiert. Die Hauptstätte empfängt jährlich Hunderttausende von Besuchern, was Abnutzung und Erosion der Fassaden beschleunigt. Salzausblühungen und Regenwassererosion sind die größten konservatorischen Herausforderungen.
Der Aufstieg zur Klosteranlage Ad-Deir — einem dem Khazneh ähnlichen Felsgrab, das noch größer ist — dauert etwa 45 Minuten zu Fuß und führt durch Landschaft, die die Besucherströme lichter werden lässt. Wer Petra wirklich verstehen will, braucht mehr als einen Tag. Die Karte öffnen gibt einen Überblick über die Nabataeer-Stätten im weiteren Raum — von Hegra (Mada'in Salih) in Saudi-Arabien bis zu den Karawanenrouten, die Petras Reichtum schufen.