Die Nabatäer
Wer waren die Nabatäer?
Die Nabatäer treten im 4. Jahrhundert v. Chr. erstmals greifbar in die Geschichte ein, zunächst als nomadisches Volk im Gebiet zwischen dem Roten Meer, der Sinai-Halbinsel und dem Norden der arabischen Halbinsel. Griechische Quellen – darunter Diodor, der einen gescheiterten Feldzug des Antigonos im Jahr 312 v. Chr. beschreibt – schildern sie als unabhängige Stammesleute, die weder Wein trinken noch in Häusern wohnen. Dieses Bild wandelte sich rasch. Innerhalb von zwei Jahrhunderten hatten die Nabatäer eines der reichsten und kulturell eigenständigsten Kleinreiche des antiken Nahen Ostens aufgebaut, mit einer Hauptstadt, die heute zu den meistbesuchten Ruinenstätten der Welt zählt.
Das Geheimnis ihres Aufstiegs lag in der Kontrolle der Weihrauch- und Gewürzrouten, die die Produkte des südlichen Arabiens und Ostafrikas – Weihrauch, Myrrhe, Kassia, Zimt – durch die Wüste zu den hellenistischen und später römischen Märkten des Mittelmeers leiteten. Petra, in der Senke zwischen den Felsformationen des heutigen Südwestjordaniens gelegen, war ideal positioniert: Wassertechnisch raffiniert erschlossen, durch Felsen geschützt und an den Kreuzungspunkten der Handelswege.
Petra: die rosarote Stadt
Kein Ort verkörpert die Nabatäer eindrücklicher als Petra. Die Stadt, auf Arabisch al-Batra', entwickelte sich vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. zur Blüte. Ihr auffälligstes Merkmal sind die Fassaden, die direkt in den rötlichen Sandstein gehauen wurden – keine freistehenden Gebäude, sondern in den Berg gearbeitete Fronten, hinter denen Kammern und Grabräume liegen.
Das bekannteste Monument ist das Khazneh, das sogenannte Schatzhaus, dessen zweistöckige Fassade rund 40 Meter hoch in den Fels ragt. Trotz des Volksnamens war es kein Tresorgebäude, sondern vermutlich ein Königsgrab, das wohl im 1. Jahrhundert v. Chr. für König Aretas III. errichtet wurde. Ebenso beeindruckend ist das Ed-Deir, das Kloster, ein noch größeres Monument am oberen Ende eines langen Treppenaufstiegs, das aus der späten nabatäischen oder frühen römischen Zeit stammt. Daneben besaß Petra ein ausgedehntes Stadtgebiet mit einem Colonnaded Street, einem Nymphaeum, Tempeln und einer Kirche aus byzantinischer Zeit. Das Qasr al-Bint, einer der wenigen freistehenden Tempel, stand im Zentrum des Kultbetriebs.
Wassertechnik war in dieser semiariden Landschaft lebensnotwendig. Die Nabatäer legten ein System aus Keramikrohren, Staudämmen, Zisternen und in den Fels gehauenen Kanälen an, das Regenwasser aus den umliegenden Bergen in die Stadt leitete und Petra in eine selbstversorgende Metropole verwandelte.
Hegra: die nördliche Schwesterstadt
Rund 500 Kilometer südlich von Petra, im heutigen Nordwesten Saudi-Arabiens, liegt Hegra – nabatäisch Hagrā, heute Mada'in Salih. Die Stadt war die zweite Hauptstadt des Nabatäerreichs und zeigt dieselbe Architektursprache: großartige Grabfassaden, in rote und gelbliche Sandsteinfelsen eingeschnitten, mit Ornamenten aus korinthischen Pilastern, Adlern und geometrischen Friesen.
Hegra war weniger dicht besiedelt als Petra, hatte aber eine strategische Funktion als Handelsstation und Verwaltungszentrum des südlichen Reichsteils. Seit 2008 ist die Stätte als erstes UNESCO-Welterbe in Saudi-Arabien eingetragen. Nach Jahrzehnten nur eingeschränkter Zugänglichkeit ist Hegra heute für Besucher offen, und die saudi-arabische Tourismusbehörde hat umfangreiche Infrastruktur aufgebaut.
Die nabatäische Sprache und Schrift
Die Nabatäer sprachen einen aramäischen Dialekt, schrieben aber in einer eigenen Kursivschrift, die aus dem aramäischen Alphabet hervorging. Diese nabatäische Schrift ist historisch bedeutsam, weil sie als unmittelbarer Vorläufer des arabischen Alphabets gilt. Tausende von Inschriften – auf Grabfassaden, auf Felsen entlang der Handelsrouten, auf Votivtafeln – haben die Forschung mit einem reichen epigrafischen Korpus versorgt. Viele dieser Texte sind kurze Weihungen oder Grabinschriften, aber einige beleuchten auch Handelstransaktionen, politische Beziehungen und religiöse Praktiken.
Die wichtigsten Gottheiten der Nabatäer waren Dushara, eine Berggottheit, die mit Zeus und Dionysos identifiziert wurde, und al-Uzza, eine Göttin des Planeten Venus, die mit Aphrodite gleichgesetzt wurde. Kultsteine – rechteckige unbehauene Blöcke, sogenannte Betylen – waren die bevorzugte anikonische Form der Gottesdarstellung, obwohl die nabatäische Kunst auch figürliche Elemente kannte.
Das Ende des Reiches
Im Jahr 106 n. Chr. annektierte Kaiser Trajan das Nabatäerreich. Ohne militärischen Widerstand – die Quellen schweigen darüber, wie es zur Eingliederung kam – wurde das Gebiet zur römischen Provinz Arabia Petraea. Petra blieb eine bedeutende Stadt; die Römer ergänzten das Stadtbild um einen Tetrapylon, einen Triumphbogen und einen Ausbau der Kolonnadenstraße. Doch die Handelsrouten verschoben sich im Laufe des 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr. zunehmend in Richtung Palmyra und der Seeverbindungen durch das Rote Meer, was Petras Bedeutung schmälerte. Ein schweres Erdbeben im Jahr 363 n. Chr. zerstörte Teile der Stadt, und die byzantinische Besiedlung war bescheidener. Im frühen Islam geriet Petra in Vergessenheit und war außerhalb lokaler Beduinengemeinschaften kaum bekannt.
1812 machte der Schweizer Orientalist Johann Ludwig Burckhardt die Stadt der westlichen Welt wieder bekannt, indem er sich als Pilger verkleidet Zugang verschaffte. Systematische archäologische Arbeit begann erst im 20. Jahrhundert und dauert bis heute an.
Was heute zu sehen ist
Petra ist Teil eines Nationalparks und wurde 1985 als UNESCO-Welterbe eingetragen. Das Areal ist groß – ein Fußmarsch von der Eintrittszone bis zu den entferntesten Monumenten kann Stunden dauern. Der Zugang durch den Siq, eine schmale Felsschlucht von fast 1,2 Kilometern Länge, ist in seiner Dramatik unübertroffen: Der Blick auf das Khazneh am Ende des Gangs bleibt unvergesslich. Für Besucher empfiehlt sich mehr als ein Tag, um neben den bekannten Fassaden auch das Hochopferplatz-Plateau, die byzantinische Kirche mit ihren farbigen Mosaikböden und das weit entfernte Kloster Ed-Deir zu erreichen.
Die beste Reisezeit ist das Frühjahr (März bis Mai) oder der Herbst (September bis November); der Hochsommer ist heiß und das Plateau kann im Winter kalt und nass sein. Eintrittskarten werden am Haupttor verkauft; für Hegra in Saudi-Arabien sind gesonderte Buchungen über die saudi-arabische Tourismusbehörde erforderlich.
Die Karte öffnen, um Petra, Hegra und weitere nabatäische Stätten in ihrer geografischen Lage zu erkunden.
Das Erbe der Nabatäer
Die Nabatäer hinterließen mehr als spektakuläre Felsarchitektur. Ihre Wassertechnik, ihre Schrift, ihre Handelsnetzwerke und ihre synkretistische Religiosität zeugen von einer Gesellschaft, die über Jahrhunderte zwischen nomadischer Flexibilität und städtischer Komplexität vermittelte. Dass ausgerechnet ein Volk, das griechische Quellen als schrift- und weinscheue Nomaden beschrieben, eine der schönsten Stadtlandschaften der Antike schuf, ist eines der faszinierendsten Paradoxe der Archäologie.