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Die Hethiter

Eine vergessene Großmacht

Bis ins späte 19. Jahrhundert war das Wissen über die Hethiter fast vollständig verloren. Ihre Namen tauchten in der Bibel auf — als Feinde und Verbündete der Israeliten — und in ägyptischen Inschriften, die ihre Kriege gegen die 'Hatti' beschreiben. Aber ihre Sprache, ihre Hauptstadt, ihre Geschichte waren vergessen. Die moderne Archäologie und Sprachforschung haben sie wiederentdeckt und ein Bild rekonstruiert, das ein erstaunlich komplexes Reich zeigt: das erste bekannte Beispiel eines schriftlich fixierten Friedensvertrags in der Geschichte, eine mehrsprachige Verwaltungskultur und eine Architektur, die ihresgleichen im spätbronzezeitlichen Nahen Osten sucht.

Das Hethitische Reich entstand im frühen 2. Jahrtausend v. Chr. in Anatolien, auf dem Hochplateau der heutigen Türkei. Es durchlief mehrere Phasen: das Altreich (etwa 1650–1500 v. Chr.), eine Zwischenphase, und das Neue Reich oder das Hethitische Großreich (etwa 1400–1180 v. Chr.), in dem es seine größte Ausdehnung erreichte — von der ägäischen Küste bis nach Nordsyrien und in Teile Mesopotamiens.

Hattusa: Hauptstadt eines Weltreichs

Die Hauptstadt Hattusa liegt in der Nähe des heutigen Dorfes Bogazköy (auch Bogazkale) in der zentralanatolischen Provinz Corum, etwa 150 Kilometer östlich von Ankara. Die Stätte wurde zwischen 1906 und 1912 von Hugo Winckler und Theodore Macridy für das Osmanische Reich ausgegraben; systematische Ausgrabungen führte die Deutsche Orient-Gesellschaft ab 1931 durch, ein Projekt, das bis heute unter Leitung des Deutschen Archäologischen Instituts weitergeht.

Hattusa war im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr. eine der größten Städte der Alten Welt. Seine Ausdehnung von etwa 160 Hektar umfasste eine Unterstadt mit Verwaltungsgebäuden und Tempeln sowie eine weiträumige Oberstadt mit weiteren Heiligtümern und dem Königspalast auf dem Büyükkale-Hügel. Die Befestigungsmauern erstrecken sich über mehr als sechs Kilometer und wurden durch regelmäßig angeordnete Türme verstärkt. An mehreren Stellen sind die originalen Keilsteintore noch zu sehen, darunter das Löwentor, das Sphinxtor und das Königstor, die nach den Reliefs an ihren Pfeilern benannt sind.

Im Inneren der Stadtmauer befanden sich mindestens 31 Tempel, von denen der Große Tempel in der Unterstadt der bedeutendste war: ein Heiligtum für den Wettergott Teshup und die Sonnengöttin Arinna, die beiden wichtigsten Gottheiten des hethitischen Pantheons.

Das Keilschrift-Archiv

Die bedeutendste Entdeckung in Hattusa war das Keilschrift-Archiv. Über 30.000 Tontafelfragmente wurden ausgegraben, die in mehreren Sprachen beschrieben sind — in Hethitisch, Akkadisch, Hurritisch, Luwisch, Palaisch und Protohattisch. Die Vielfalt der Sprachen spiegelt die Vielvölkernatur des Reiches wider.

Der inhaltliche Reichtum dieser Archive ist außerordentlich. Es gibt Staatsverträge, diplomatische Korrespondenz, Gerichtsurteile, religiöse Rituale, Mythen und Epen, Pferdedressuranleitungen (die ältesten bekannten in der Weltliteratur, verfasst von einem Pferdeexperten namens Kikkuli aus Mitanni) und Verwaltungsdokumente. Der Friedensvertrag zwischen dem hethitischen König Hattusili III. und dem ägyptischen Pharao Ramses II., geschlossen um 1259 v. Chr. nach der Schlacht von Kadesch, ist in hethitischer Keilschrift auf Silberplatten überliefert — eine Kopie in akkadischer Sprache hängt als Reproduktion im Vorraum des UN-Sicherheitsrats in New York.

Die Entschlüsselung des Hethitischen

Die Sprache der Hethiter wurde erst 1915 entschlüsselt, durch den tschechischen Assyriologen Bedřich Hrozný. Er erkannte, dass Hethitisch eine indoeuropäische Sprache ist — verwandt mit Sanskrit, Griechisch, Latein und den germanischen Sprachen. Diese Erkenntnis war überraschend: Man hatte nicht erwartet, eine indoeuropäische Sprache im spätbronzezeitlichen Nahen Osten zu finden. Heute gilt Hethitisch als eine der am ältesten bezeugten indoeuropäischen Sprachen überhaupt.

Die Hethiter nannten sich selbst nicht 'Hethiter' — das ist eine biblische Bezeichnung, übernommen von dem Toponym Hatti für die Region. Sie nannten ihr Kernland Hattusa und bezeichneten sich als Volk von Hattusa oder nach der Sprache, die sie verwendeten.

Kadesch und die große Konfrontation

Die Schlacht von Kadesch am Orontes-Fluss in der heutigen Syrien, datiert auf das Jahr 1274 v. Chr., war eine der größten Schlachten des Altertums. Ramses II. von Ägypten und Muwatalli II. von Hatti führten je mehrere Tausend Soldaten und Streitwagen ins Feld. Ägyptische Quellen stellen die Schlacht als triumphalen Sieg Ramses dar — der Pharao rettete nach dieser Version sein Heer durch persönliche Kühnheit. Die hethitischen Quellen sehen das erwartungsgemäß anders.

In der Realität war Kadesch offenbar ein Unentschieden, das keine der beiden Seiten militärisch entschied. Beide Großmächte zogen Konsequenzen: Etwa 15 Jahre später unterzeichneten Hattusili III. und Ramses II. ihren Friedensvertrag, der die Einflusssphären klar abgrenzte und durch eine diplomatische Heirat besiegelt wurde. Er zeigt, dass die hethitische Diplomatie auf demselben Niveau operierte wie die ägyptische.

Das Ende des Reiches

Um 1180 v. Chr. hörte das Hethitische Reich auf zu existieren. Hattusa wurde zerstört und nie wieder bewohnt. Die Ursachen sind Teil der breiteren Debatte über den Bronzezeitalter-Kollaps: Klimaveränderung, Migrationsbewegungen, interne Unruhen und der Zusammenbruch der Handelsrouten haben alle zu seinem Ende beigetragen. Neo-hethitische Fürstentümer in Nordsyrien und Südanatolien — Städte wie Carchemish am Euphrat und Samal im heutigen Südosttürkei — überlebten noch einige Jahrhunderte und bewahrten Teile der hethitischen Kultur und Schrifttradition.

Hattusa ist heute ein UNESCO-Welterbe und für Besucher zugänglich. Die Freiluftanlage zeigt Stadtmauern, Tore und Tempelgrundmauern auf einer Fläche, die auf wenige Gehstunden ausgedehnt ist. Das benachbarte Freilichtmuseum Yazılıkaya, etwa eineinhalb Kilometer von Hattusa entfernt, enthält Felsreliefs mit dem größten bekannten hethitischen Götterpantheon: 42 Götter in Prozession auf dem linken Fels, 12 Unterweltsgötter auf dem rechten. Die Karte öffnen zeigt Hattusa und die anderen bedeutenden Stätten der hethitischen Welt in der Türkei und Nordsyrien.