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Die Elgin-Marbles-Debatte

Ein Fries, zwei Kontinente

Wer heute die Akropolis in Athen besucht und dann das British Museum in London, betrachtet Fragmente desselben Kunstwerks an zwei verschiedenen Orten, dreieinhalb Tausend Kilometer voneinander entfernt. Der Parthenon-Fries, ein Meisterwerk der griechischen Bildhauerkunst aus dem 5. Jahrhundert v. Chr., ist seit über 200 Jahren zwischen Griechenland und Großbritannien aufgeteilt. Diese Aufteilung ist nicht das Ergebnis einer einvernehmlichen Entscheidung, sondern einer Kontroverse, die bis heute andauert.

Der Parthenon, erbaut zwischen 447 und 432 v. Chr. unter Perikles und dem Architekten Iktinos, war ursprünglich mit einem einzigartigen Skulpturenprogramm ausgestattet. Dazu gehörten der 160 Meter lange Fries an der Außenwand der Cella, der einen Festzug darstellte; die Metopen-Reliefs an den Außenwänden, die mythische Kämpfe zeigten; und die Giebelgruppen mit lebensgroßen Marmorfiguren. Ein erheblicher Teil dieses Programms ist heute als 'Elgin Marbles' im British Museum.

Lord Elgin und die Entnahme

Thomas Bruce, der 7. Earl of Elgin, war zwischen 1799 und 1803 britischer Botschafter am osmanischen Hof in Konstantinopel. Er ließ sich vom Sultan Selim III. ein Firman ausstellen — ein offizielles Dekret —, das seinen Bevollmächtigten erlaubte, auf der Akropolis zu arbeiten, Gipsabgüsse herzustellen und 'Stücke mit Inschriften oder Figuren' zu entfernen. Ob dieses Dokument tatsächlich die Demontage in dem Ausmaß erlaubte, das Elgin durchführen ließ, ist seit dem 19. Jahrhundert umstritten.

Zwischen 1801 und 1812 wurden unter Aufsicht von Elgins Agenten, insbesondere des Malers Giovanni Battista Lusieri, Teile des Frieses, Metopen, Giebelstatuen sowie eine Karyatide aus dem Erechtheion und andere Architekturelemente abgetrennt und nach England verschifft. Elgin, inzwischen finanzielle in Schwierigkeiten geraten, verkaufte die Sammlung 1816 an den britischen Staat für die Summe von 35.000 Pfund. Das Parliament Vote war keine einfache Angelegenheit: Lord Byron, der die Entnahme in seinem Gedicht 'Childe Harold's Pilgrimage' als Vandalismus angeprangert hatte, stand nicht allein mit seiner Kritik.

Der griechische Standpunkt

Griechenland, das 1821 seine Unabhängigkeit von der osmanischen Herrschaft erkämpfte und seit 1833 ein eigenständiger Staat ist, hat die Rückgabe der Skulpturen offiziell und wiederholt gefordert. Die Ministerpräsidentin Melina Mercouri, die in den 1980er Jahren auch als Kulturministerin amtierte, machte die Rückgabe zu einem internationalen Thema. Ihr Argument war im Kern kulturell: Die Skulpturen seien ein integraler Teil eines Bauwerks, das auf seinem Originalstandort steht, und ihr Wert entstehe gerade aus dem Zusammenhang mit diesem Ort.

Griechenland hat sein Argument durch eine bauliche Geste unterstützt. Das neue Akropolismuseum, 2009 eröffnet und nach Plänen von Bernard Tschumi entworfen, enthält im dritten Obergeschoss eine vollständige Rekonstruktion des Parthenon-Frieses auf einer Struktur, die der Originalgröße entspricht. Die Partien, die in Athen sind, sind in den Originalmarmorteilen zu sehen; die Abschnitte in London sind durch Gipsabgüsse markiert — absichtliche Lücken in einem monumentalen Kunstwerk.

Der britische Standpunkt

Das British Museum und die britische Regierung haben die Rückgabe konsequent abgelehnt. Ihre Argumente sind verschiedener Natur. Erstens: Der Erwerb sei legal gewesen — Elgin handelte mit Genehmigung der damaligen Herrschaft Griechenlands, des Osmanischen Reiches. Zweitens: Das British Museum als 'universelles Museum' könne die Skulpturen einem globalen Publikum zugänglich machen, das sonst nicht nach Athen reisen würde. Drittens und praktisch entscheidend: Der British Museum Act von 1963 verbietet dem Museum, Objekte aus seiner Sammlung abzugeben, mit wenigen definierten Ausnahmen.

Das Argument der Legalität ist historisch komplex. Das Osmanische Reich war die Kolonialmacht über ein Territorium, das zu keinem Zeitpunkt osmanisch-griechisch war, und viele Griechen betrachteten Elgins Handeln auch damals als Raub. Das Argument der universellen Zugänglichkeit trifft in einem Zeitalter digitaler Reproduktionen und globaler Vernetzung weniger scharf als früher.

Präzedenzfall und Prinzip

Die Elgin-Marbles-Debatte ist deshalb so intensiv geführt worden, weil sie prinzipielle Fragen aufwirft, die weit über diesen einzelnen Fall hinausgehen. Wenn Griechenland recht hätte, gälte dasselbe Argument für die Herkunft vieler anderer Objekte in europäischen und amerikanischen Museen: Teile des Altars von Pergamon im Berliner Pergamonmuseum, der Stein von Rosette im British Museum, der Benin-Bronzen in verschiedenen europäischen Institutionen. Eine generelle Restitutionspolitik auf Grundlage des Herkunftsprinzips würde bedeutende Sammlungen tiefgreifend verändern.

Das Pergamonmuseum in Berlin bietet eine interessante Parallele. Der Pergamonaltar, abgebaut in den 1870er Jahren von einer deutschen Ausgrabungsmannschaft aus der türkischen Stadt Pergamon (heute Bergama), befindet sich seit über 130 Jahren in Berlin. Die Türkei fordert gelegentlich seine Rückgabe, aber die Debatte hat nie die Intensität der Elgin-Debatte erreicht.

Jüngere Entwicklungen

Die Debatte hat in den 2020er Jahren neue Dynamik gewonnen. Italien, das Humboldt Forum in Berlin und andere Institutionen haben afrikanische und andere kolonial erworbene Objekte zurückgegeben. Das Modell der 'Leihe' — bei der Objekte für bestimmte Zeiträume an Ursprungsländer ausgeliehen werden, ohne dass das Eigentumsrecht übertragen wird — ist als Kompromiss diskutiert worden. Der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis schlug in einem Gespräch mit dem britischen Premier Rishi Sunak 2023 eine derartige Lösung vor; die britische Regierung lehnte ab.

Die Parthenon-Skulpturen sind physisch in zwei Teile aufgeteilt, die sich gegenseitig brauchen, um vollständig verstanden zu werden. Im Akropolismuseum in Athen, das mit seinen Glaswänden einen direkten Blick auf den Parthenon selbst bietet, wird der fehlende Teil täglich sichtbar — in Form von weißen Gipsabgüssen zwischen den originalen Marmorteilen. Die Karte öffnen zeigt die Akropolis als einen der bedeutendsten archäologischen Orte der Welt — ein Ort, dessen Geschichte noch geschrieben wird.