Die 10 bedeutendsten antiken Ruinen im Libanon
Der Libanon ist eines jener Länder, deren Geschichte buchstäblich in Schichten übereinander liegt. Auf engstem Raum — einem Küstenstreifen, der nicht größer als Hessen ist — haben Phönizier, Griechen, Seleukiden, Römer, Byzantiner, Araber, Kreuzfahrer und Osmanen Spuren hinterlassen, die sich überschichten und vermischen. Die phönizischen Handelsstädte Byblos und Tyros gehören zu den ältesten kontinuierlich bewohnten Orten der Erde; die Tempelanlagen von Baalbek zählen zu den größten und eindrucksvollsten Bauwerken der gesamten römischen Antike. Trotz der politischen Instabilität des modernen Landes sind seine archäologischen Stätten von einer Qualität, die jede Reise rechtfertigt.
1. Baalbek, Bekaa-Ebene
Baalbek, das antike Heliopolis, beherbergt das größte je errichtete römische Heiligtum der Welt. Die Tempelanlage, erbaut zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert n. Chr., besteht aus dem Jupiter-Tempel — von dessen ursprünglich 54 korinthischen Säulen aus poliertem Granitstein noch sechs aufragen, jede über zwanzig Meter hoch — dem kleineren, aber besser erhaltenen Bacchus-Tempel sowie einem runden Venustempel. Der Unterbau des Jupiter-Tempels ruht auf den berühmten Trilithonen, drei Steinblöcken von je rund achthundert Tonnen Gewicht, deren Transport bis heute nicht vollständig erklärt ist. UNESCO-Welterbe seit 1984.
2. Byblos (Jbeil), Küste
Byblos gilt als eine der ältesten kontinuierlich bewohnten Städte der Welt; neolithische Siedlungsreste reichen bis ins 7. Jahrtausend v. Chr. zurück. Als phönizische Handelsstadt war Byblos ein Hauptlieferant von Zedern-Holz für das alte Ägypten und der Ort, von dem das griechische Wort für Buch (byblos, nach dem importierten Papyrus) abstammt. Die Ausgrabungen zeigen Schichten aus Chalkolithikum, Bronzezeit, phönizischer, persischer, hellenistischer, römischer und byzantinischer Zeit übereinander. Kreuzfahrerburg, phönizische Königsgräber, ägyptische Stelen und ein römisches Theater machen Byblos zu einer der vielschichtigsten Stätten des gesamten Nahen Ostens. UNESCO-Welterbe.
3. Tyros (Sour), Süd-Libanon
Das antike Tyros, die bedeutendste phönizische Seehandelsstadt, war auf zwei Inseln und einem Küstenstreifen gebaut und beherrschte zwischen dem 10. und 4. Jahrhundert v. Chr. den östlichen Mittelmeerhandel. Die Stadt gründete Karthago und zahlreiche weitere Kolonien in Nordafrika, Spanien und Sardinien. Die antike Stätte zeigt eine Hippodrom-Anlage aus der Römerzeit, eine gepflasterte Kolonnadenstraße, Nekropolen und Überreste der frühchristlichen Kathedrale. Viel liegt noch unter dem modernen Sur verborgen. UNESCO-Welterbe seit 1984.
4. Anjar, Bekaa-Ebene
Anjar ist eine der wenigen erhaltenen umayyadischen Planstädte überhaupt und wurde im frühen 8. Jahrhundert n. Chr. unter Kalif Walid I. als Handelszentrum an einer wichtigen Kreuzung der Bekaa-Ebene angelegt. Die Stadt folgt einem streng orthogonalen Grundriss nach römischem Vorbild mit Cardo und Decumanus, vier Tetrayla an den Hauptkreuzungen, Läden entlang der Hauptstraßen, einem großen Palast und einer Moschee. Anjar wurde möglicherweise aufgegeben, als Walids Nachfolger die Hauptstadt verlegten. Die Ruinen sind gut zugänglich und ungewöhnlich vollständig erhalten. UNESCO-Welterbe seit 1984.
5. Sidon-Seeschloss (Saida), Küste
Das Seeschloss von Sidon, auf einer kleinen Felseninsel vor der Küste errichtet und über eine Brücke mit dem Festland verbunden, wurde von den Kreuzfahrern im 13. Jahrhundert n. Chr. erbaut und später von Mamlucken und Osmanen modifiziert. Sidon selbst, das antike Zidon, war nach Tyros die bedeutendste phönizische Küstenstadt und blühte vom 2. Jahrtausend v. Chr. bis in die byzantinische Zeit. Das Khan al-Franj, ein osmanisches Karawanserei aus dem 17. Jahrhundert, und die ausgegrabenen Bereiche des phönizischen Tempelhügels ergänzen das Stadtbild.
6. Beit Meri und Deir el-Qal'a, Libanon-Gebirge
Auf einem Bergrücken über Beirut, mit Blick auf die ganze Küste, liegt der antike Tempelkomplex von Deir el-Qal'a. Hier haben Ausgrabungen Schichten aus der phönizischen, hellenistischen, römischen und byzantinischen Zeit freigelegt, darunter Überreste eines Jupitertempels und einer frühchristlichen Basilika. Das benachbarte Beit Meri zeigt ähnliche Überlagerungen. Beide Stätten sind wenig besucht und bieten eine stille Alternative zu den großen Touristenstätten.
7. Tempel von Niha, Bekaa-Tal
Die Tempel von Niha gehören zu den besterhaltenen Landheiligtümern Roms im östlichen Mittelmeerraum. Zwei Tempel aus dem 2. und 3. Jahrhundert n. Chr., geweiht einheimischen Gottheiten (Hadaranes und Atargatis), stehen in einem abgelegenen Seitental des Bekaa-Gebirges. Der größere Tempel besitzt eine ungewöhnliche interne Treppe, die auf einen erhöhten Adyton führt. Die Stätte ist wenig erschlossen und zieht kaum Massentourismus an, was ihr eine besondere Atmosphäre verleiht.
8. Fakra, Libanon-Gebirge
Fakra, auf etwa 1700 Metern Höhe im Libanon-Gebirge gelegen, war ein bedeutendes antikes Heiligtum, das vor allem in der Römerzeit besucht wurde. Die Überreste umfassen einen Turm aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. (möglicherweise ein Grab oder eine Kultstätte), ein gut erhaltenes Tempelgebäude sowie einen ummauerten heiligen Bezirk. Die Gegend war bereits in phönizischer Zeit als Kultort genutzt worden. Fakra ist leicht von der Skistation Faraya aus erreichbar.
9. Berytus / Alt-Beirut, Beirut
Unter dem modernen Beirut liegen die Überreste der phönizischen Stadt Berytus sowie der bedeutendsten römischen Rechtsschule der Antike (3.–6. Jahrhundert n. Chr.). Ausgrabungen nach dem Bürgerkrieg im Stadtzentrum — beim Wiederaufbau des Downtown-Viertels — legten phönizische Hafenbauten, ein hellenistisches Stadttor, römische Bäder und Fragmente des Stadtfundaments frei. Einige dieser Funde sind in einem Freilichtareal an der Martyrsplatz-Peripherie sichtbar. Ein eindrückliches Beispiel dafür, wie eine antike Stadt buchstäblich unter einer Weltstadt weiterlebt.
10. Tempel von Ain Akrine, Nördlicher Libanon
In der Nähe von Batroun im Norden des Libanons befindet sich ein kleiner, kaum dokumentierter römischer Tempel, der aus lokalen Kalksteinblöcken des 2. Jahrhunderts n. Chr. gebaut wurde. Die Stätte ist ein Beispiel für die Hunderte von Landheiligtümern, die im Libanongebirge und in der Bekaa-Ebene erhalten geblieben sind und die zeigen, wie dicht die religiöse Landschaft des römischen Syria Phoenice besiedelt war. Der Besuch solcher Stätten erfordert ein Fahrzeug und eigene Recherche, belohnt aber mit echter Abgeschiedenheit.
Praktische Hinweise
Die Reise in den Libanon sollte stets mit einer Prüfung der aktuellen Sicherheitslage verbunden werden; die nördlichen und zentralen Regionen sind in der Regel sicherer als der Süden des Landes. Die Monate April bis Juni und September bis November sind klimatisch ideal. Baalbek und Byblos sind über gut ausgebaute Straßen von Beirut aus in ein bis zwei Stunden erreichbar. Eintrittskarten für die großen Stätten sind vor Ort erhältlich; Reiseagenturen in Beirut bieten seriöse Tagestouren an. Alle Stätten lassen sich auf der Karte mit genauen Koordinaten einsehen und in eine persönliche Route einplanen.