Die 10 bedeutendsten antiken Ruinen in Bolivien
Bolivien liegt im Herzen Südamerikas auf einem der mächtigsten archäologischen Böden des Kontinents. Das Hochland des Altiplano, der Titicacasee auf 3800 Metern und die Täler der Ostkordillere waren Schauplatz aufeinanderfolgender Kulturen, die lange vor den Inka auf politische Komplexität, Monumentalarchitektur und weitreichende Handelsnetzwerke kamen. Die bekannteste dieser Kulturen ist Tiwanaku — ein Name, der für die gesamte vorkolumbische Geschichte der Region steht. Daneben gibt es weniger bekannte, aber nicht minder faszinierende Stätten, die von der Vielfalt bolivianischer Zivilisationsgeschichte zeugen.
1. Tiwanaku, Altiplano
Tiwanaku war das Zentrum einer der bedeutendsten prä-inkaischen Zivilisationen Südamerikas, die zwischen etwa 500 und 1000 nach Christus ihren Höhepunkt erreichte und ein Einflussgebiet umfasste, das vom heutigen Nordchile über Bolivien bis nach Südperu reichte. Die Stätte liegt auf 3850 Metern Höhe, nur 70 Kilometer westlich von La Paz am Südufer des Titicacasees. Das auffälligste Bauwerk ist das Kalasasaya-Plateau — ein ummauerter Zeremonialbereich, in dessen Mitte die Puerta del Sol (Sonnenpforte) steht, ein aus einem einzigen Andesitblock gemeißeltes Tor mit einer Darstellung des 'Stabgottes'. Der Akapana-Hügel, einst eine gestufte Pyramide, ist heute halb erodiert; Ausgrabungen haben hier Massenbestattungen und Opferdeponierungen freigelegt. Das angeschlossene Museum zeigt Skulpturen, Keramik und das gewaltige Steinmonolith Bennett. UNESCO-Welterbe seit 2000.
2. El Fuerte de Samaipata, Santa Cruz-Department
Samaipata liegt in den Bergwäldern der Ostkordillere, rund 120 Kilometer westlich von Santa Cruz de la Sierra auf 1650 Metern Höhe. Das zentrale Element ist ein gewaltiger Felsblock — etwa 220 Meter lang und 55 Meter breit — in den die Bevölkerung der präinkaischen Chané-Kultur (und später die Inka) zwischen etwa dem 14. und 16. Jahrhundert Kanäle, Nischen, sitzende Jaguarfiguren und geometrische Muster geritzt haben. Die Interpretation dieser Felsbearbeitungen ist umstritten; sicher ist, dass der Fels ein bedeutendes Zeremonialzentrum war. Daneben finden sich Terrassenbauten, Mauern und Wasserkanäle aus der Inka-Periode. UNESCO-Welterbe seit 1998.
3. Iskanwaya, La Paz-Department
Iskanwaya liegt in einem abgelegenen Bergtal der Provinz Larecaja auf etwa 2300 Metern Höhe und ist die bedeutendste erhaltene Stätte der Mollo-Kultur, die zwischen etwa 900 und 1400 nach Christus im bolivianischen Tiefland der Ostanden blühte. Die Stätte umfasst mehrere hundert Gebäude — Wohnhäuser, Zeremonialbauten, Lagerhäuser und Kanäle — aus unbearbeitetem Stein ohne Mörtel, gut in den Berghang integriert. Die Mollo sind wenig erforscht; Iskanwaya gibt Einblick in eine Hochlandkultur, die zur gleichen Zeit wie Tiwanaku existierte, aber eine völlig andere Architekturstrategie verfolgte.
4. Pumapunku, Altiplano
Pumapunku gehört zum Tiwanaku-Komplex und liegt nur 800 Meter südwestlich des Hauptareals. Die Plattform — ursprünglich eine gestufte Pyramide — fiel durch Plünderung und Steinraub in einen chaotischen Zustand. Was blieb, sind zahlreiche Steinblöcke aus rotem Sandstein und grauem Andesit, an denen Schnitte und Nuten mit einer Präzision ausgeführt sind, die heute noch staunen lässt. Die Blöcke wurden nicht vor Ort gewonnen; der Andesit stammt vom Copacabana-Halbinsel, rund 90 Kilometer entfernt. Wie der Transport über den See oder durch das Hochland erfolgte, ist nicht geklärt.
5. Chiripa, Titicacasee
Chiripa liegt auf der Taraco-Halbinsel am südlichen Titicacasee und ist der Ort einer der ältesten bekannten Monumentalarchitekturen des bolivianischen Hochlands. Zwischen etwa 900 und 100 vor Christus errichteten hier die Menschen der Chiripa-Kultur eine rechteckige Plattform mit Vorratskammern und Gemeinschaftsgebäuden — ein Prototyp der späteren Zeremonialplattformen. Chiripa gilt als direkte kulturelle Vorstufe zu Tiwanaku und war ein wichtiger Knotenpunkt in der Entstehung komplexer Gesellschaften am See.
6. Inkallaqta, Cochabamba-Department
Inkallaqta ('Inka-Ort' im Quechua) liegt auf etwa 2850 Metern Höhe im Cochabamba-Tal und war im 15. und frühen 16. Jahrhundert ein bedeutendes Inka-Verwaltungs- und Militärzentrum. Das größte erhaltene Gebäude ist ein Kallanqa — eine Inka-Halle für Zeremonien und militärische Zusammenkünfte — mit einer Grundfläche von rund 78 mal 26 Metern, eine der größten erhaltenen Inka-Hallen überhaupt. Die Anlage kontrollierte die Grenze zu den Chiriguano, einem Guaraní-sprechenden Volk, das dem Inka-Expansionsdrang widerstanden hatte.
7. Samaipata — Festung und Siedlung
Neben dem bekannten Fels umfasst der Samaipata-Komplex ausgedehnte Inka-Siedlungsreste unterhalb des Hauptfelsens: Mauerzüge, Terrassenanlagen und Reste von Speicheranlagen, die zeigen, wie die Inka eine ältere Kultststätte in ihr Verwaltungssystem integrierten. Die überlagerten Kulturschichten — Chané, Inka, und frühe spanische Kolonialzeit — machen Samaipata zu einem Lehrbuchbeispiel für kulturelle Überlagerung im Andenraum.
8. Chullpas von Sillustani (Grenzregion)
Obwohl technisch gesehen in Peru gelegen, sind die Totentürme von Sillustani und ihre bolivianischen Gegenstücke am Titicacasee kulturell untrennbar mit dem bolivianischen Altiplano verbunden. Die Chullpas — steinerne Totentürme der Aymara-Kultur aus dem 11. bis 15. Jahrhundert — finden sich auf der bolivianischen Seite des Sees in mehreren Gruppen, etwa in Cutimbo und rund um Copacabana. Die zylindrischen Türme dienten als Familienmausoleen für die Andenaristokratie; ihre Öffnungen zeigen nach Osten zur aufgehenden Sonne.
9. Copacabana und die Sonneninsel
Copacabana am Titicacasee war vor der Inka-Zeit schon ein wichtiger religiöser Ort und wurde unter den Inka zum bedeutendsten Heiligtum des gesamten Reiches ausgebaut. Die Isla del Sol — die Sonneninsel — gilt nach Inka-Überlieferung als der Geburtsort von Sonne und Mond und damit als der Ursprung der Welt. Die Terrassen und Gebäude auf der Insel, darunter das Pilko Kaina-Palastgebäude und der heilige Fels Titikala, sind gut erhalten. Die Insel ist per Boot von Copacabana aus erreichbar.
10. Pucara de Tomasmayo, Potosí-Department
Im bolivianischen Hochland des Potosí-Departments finden sich Pucaras — Bergfestungen, die von lokalen Völkern in der Zeit des Zusammenbruchs der Tiwanaku-Kontrolle (etwa 10.–13. Jahrhundert) errichtet wurden. Tomasmayo ist eine der besser dokumentierten Anlagen: konzentrische Mauerringe auf einem Bergsporn, mit Wohnterrassen und Vorratsnischen. Diese Anlagen reflektieren eine Zeit der Fragmentierung und lokaler Rivalitäten, die der Inka-Expansion vorausging.
Praktische Hinweise
Tiwanaku ist von La Paz aus in weniger als zwei Stunden erreichbar und das einzige bolivianische archäologische Ziel auf einem guten Reisebus. Samaipata liegt von Santa Cruz de la Sierra aus in zwei bis drei Stunden; das Dorf hat mehrere Pensionen. Iskanwaya erfordert ein Geländefahrzeug und mehrere Stunden Fahrt von Sorata oder Mapiri aus — eine der abgelegensten Stätten der Liste. Die beste Reisezeit für das bolivianische Hochland ist die Trockenzeit von Mai bis Oktober; Samaipata ist ganzjährig zugänglich. Die genauen Positionen aller Stätten auf der Karte.