Schliemann und die Suche nach Troja
Ein Kaufmann mit einer Obsession
Heinrich Schliemann wurde 1822 als Sohn eines Pastors in Mecklenburg geboren und sollte eines der folgenreichsten archäologischen Projekte des 19. Jahrhunderts unternehmen. Sein Weg dorthin war alles andere als akademisch. Mit 14 Jahren Lehrling in einer Kolonialwarenhandlung, dann Kaufmann in St. Petersburg, schließlich Millionär durch Spekulationsgeschäfte in Russland und Amerika — Schliemann war ein Autodidakt, der in Dutzenden Sprachen sprach und der Überzeugung war, dass Homers Ilias und Odyssee keine Dichtung, sondern historisches Dokument seien.
Im Jahr 1868 reiste er erstmals auf die Halbinsel Troas im nordwestlichen Anatolien und sah sich den Hügel Hissarlik an, den der britische Archäologe Frank Calvert bereits als möglichen Standort des homerischen Troja identifiziert hatte. Calvert, der einen Teil des Hügels besaß, hatte bereits kleine Sondagen durchgeführt, aber keine Mittel für eine großflächige Ausgrabung. Schliemann verfügte über beides: das Geld und den Willen.
Die Ausgrabungen in Hissarlik
Ab 1871 begann Schliemann mit industriellen Methoden in Hissarlik zu graben. Er setzte Hunderte von Arbeitern ein und ließ eine breite Schneise durch den Hügel ziehen, um möglichst schnell in die tiefsten Schichten zu gelangen. Was er nicht wusste — und was die Archäologie des 20. Jahrhunderts erst vollständig klärte — war, dass Hissarlik mindestens neun übereinanderliegende Siedlungsschichten enthält, die sich über etwa 3500 Jahre erstrecken. Die ältesten Schichten reichen bis ins frühe 3. Jahrtausend v. Chr. zurück.
Schliemann war überzeugt, dass das homerische Troja in einer der unteren Schichten liegen müsse. Im Mai 1873 machte er einen spektakulären Fund, den er als 'Schatz des Priamos' bezeichnete: einen Depotfund aus Gold- und Silberobjekten, darunter Diademe, Becher und Schmuckstücke. Er ließ den Fund heimlich aus dem Osmanischen Reich herausschmuggeln und präsentierte ihn der Welt als Beweis für die historische Realität Trojas.
Das Problem war fundamental: Der Schatz stammte aus der Schicht Troy II, die um 2400 bis 2200 v. Chr. datiert wird — also rund tausend Jahre vor der Zeit, in der das homerische Troja angesiedelt sein sollte. Die eindrucksvollen Überreste, die dem mythischen Krieg am besten entsprechen — Troja VIIa, zerstört um 1180 v. Chr. — hatte Schliemann mit seinen tiefen Schneisen bereits weitgehend unbeachtet durchgraben.
Mykene: Der zweite große Fund
Ungeachtet dieser chronologischen Schwierigkeiten wandte sich Schliemann 1876 einem neuen Ziel zu: Mykene in der griechischen Peloponnes, Heimatstadt des mythischen Agamemnon. Bereits Pausanias, der griechische Reiseschriftsteller des 2. Jahrhunderts n. Chr., hatte eine Stelle im Burgbereich als Begräbnisplatz von Agamemnon und seinen Gefährten beschrieben. Schliemann nahm Pausanias beim Wort.
Die Ausgrabungen des Schachtgräberrundes A führten zu einem der reichsten Goldfunde der Bronzezeitaltertarchäologie. Fünf Schachtgräber enthielten 19 Verstorbene mit Beigaben aus Gold, Silber, Bronze und Elfenbein — darunter die berühmte Goldmaske, die Schliemann sofort als 'Maske des Agamemnon' bezeichnete. Die Objekte gehören tatsächlich zu einer Begräbnistradition aus dem 16. Jahrhundert v. Chr., also ebenfalls erheblich früher als die Überlieferungen des Trojanischen Krieges.
Die Maske selbst, heute im Nationalmuseum Athen ausgestellt, ist zweifellos ein außergewöhnliches Objekt — aber nicht die eines Königs, der Homer kannte. Schliemanns Namensgebung war mehr Wunschdenken als Wissenschaft. Dennoch hatte er die Welt auf die mykenische Zivilisation aufmerksam gemacht, deren Existenz bis dahin weitgehend unbekannt gewesen war.
Die methodischen Probleme
Schliemanns Ausgrabungsmethoden sind aus heutiger Sicht ein Schulbeispiel für das, was man nicht tun sollte. Die breiten Gräben durch Hissarlik zerstörten Befunde unwiederbringlich. Er dokumentierte unzureichend, was er fand und wo er es fand. Die stratigraphische Methode — das sorgfältige Freilegen und Dokumentieren einzelner Schichten — war zu seiner Zeit zwar bekannt, wurde von ihm aber nicht konsequent angewandt.
Hinzu kamen Unehrlichkeiten. Die Geschichte, er habe den 'Schatz des Priamos' gemeinsam mit seiner Frau Sofia an einem einzigen Tag geborgen, ist eine Legende, die er selbst erfand. Arbeiterberichte und seine eigenen Tagebücher legen nahe, dass der Fund über mehrere Tage verteilt war und Sofia möglicherweise gar nicht anwesend war. Das heimliche Herausschmuggeln der Objekte aus dem Osmanischen Reich führte zu einem Rechtsstreit, der erst durch eine Zahlung an das Osmanische Reich beigelegt wurde.
Wilhelm Dörpfeld, Architekt und Archäologe, der ab 1882 mit Schliemann arbeitete, brachte erheblich mehr methodische Strenge mit und identifizierte Troja VI als die Schicht, die am besten zum späten Bronzezeitalter passt. Spätere Ausgrabungen, insbesondere durch Carl Blegen von der Universität Cincinnati in den 1930er Jahren und das internationale Forschungsprojekt unter Manfred Korfmann ab 1988, verfeinerten das Bild weiter.
Troja heute: Was die Wissenschaft sagt
Hissarlik ist heute eine der am besten untersuchten archäologischen Stätten der Welt und seit 1998 UNESCO-Welterbe. Die Ausgrabungen unter Korfmann zeigten, dass Troja VI und VIIa nicht nur eine kleine Burg, sondern eine erheblich größere Unterstadt mit einer Fläche von etwa 27 Hektar umfasste — eine für die Bronzezeit beachtliche Siedlungsgröße. Diese Entdeckung verleiht der Hypothese, dass Hissarlik tatsächlich Schauplatz wichtiger historischer Ereignisse war, neue Plausibilität.
Ob ein historischer Trojanischer Krieg stattfand, ist nach wie vor Gegenstand wissenschaftlicher Debatte. Die Zerstörungsschicht von Troja VIIa, datiert um 1180 v. Chr., könnte durch Feuer und Kampf entstanden sein — oder durch Naturkatastrophen. Hethitische Keilschrifttexte erwähnen ein Land namens Wilusa in der nordwestlichen Ägäis, was linguistisch mit dem griechischen Ilios (ein Name für Troja) in Verbindung gebracht wird. Eine Gleichsetzung mit Hissarlik ist möglich, aber nicht bewiesen.
Das Erbe eines Abenteurers
Schliemann polarisiert bis heute. Für seine Bewunderer war er der Mann, der Homer beim Wort nahm und damit eine der bedeutendsten archäologischen Zivilisationen der Alten Welt aufdeckte. Für seine Kritiker war er ein methodisch rücksichtsloser Schatzjäger, der mehr zerstörte als er bewahrte und der persönlichen Ruhm über wissenschaftliche Integrität stellte.
Beides stimmt in gewissem Maße. Ohne Schliemanns Energie, sein Kapital und seine unbeirrbare Überzeugung wäre die mykenische Zivilisation vielleicht erst Jahrzehnte später in das Bewusstsein der Wissenschaft getreten. Gleichzeitig hätten viele seiner Funde bei sorgfältiger Ausgrabung unendlich viel mehr Informationen geliefert. Der 'Schatz des Priamos' ist heute in Moskau — er wurde 1945 von sowjetischen Truppen aus dem Berliner Museum erbeutet, wohin er nach dem Zweiten Weltkrieg gelangt war — eine Ironie des Schicksals für Objekte, deren juristische und wissenschaftliche Geschichte von Anfang an belastet war.
Die Karte öffnen und Troja sowie Mykene suchen heißt, den Spuren eines Mannes zu folgen, der die Archäologie nicht nur betrieb, sondern auch prägte — für besser und für schlechter.