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Die Phönizier und ihre Kolonien

Händler des Meeres

Die Phönizier lebten in einem schmalen Küstenstreifen des östlichen Mittelmeers, dem heutigen Libanon und Teilen des küstennahen Syriens und Nordisraels. Von Stadtstaaten wie Tyros, Sidon, Byblos und Arwad aus trieben sie seit dem frühen 1. Jahrtausend v. Chr. Handel auf dem gesamten Mittelmeer und gelangten vermutlich bis in den Atlantik. Sie hinterließen keine zusammenhängende politische Einheit und kein Reich im klassischen Sinne – aber sie hinterließen Kolonien und Handelsstationen, Glaswaren und Purpurfarbstoffe, und vor allem das lineare Alphabet, aus dem alle modernen westlichen Schriftsysteme hervorgingen.

Der Begriff 'Phönizier' ist ein Fremdname; die Bewohner von Tyros, Sidon oder Byblos nannten sich nach ihren jeweiligen Städten. Das Wort leitet sich vom griechischen phoinix ab, das sowohl 'purpurrot' als auch 'Phönix' bedeutet – eine Anspielung auf den berühmten Murex-Purpur, den die levantinischen Weber und Händler aus Meeresschnecken gewannen und der zu einem der wertvollsten Luxusgüter der Antike zählte.

Byblos, Sidon und Tyros

Byblos (Gubla, heute Jbeil im Libanon) war eines der ältesten phönizischen Zentren und bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. ein wichtiger Handelspartner Ägyptens, von dem Zedernholz aus dem Libanon nach Ägypten verschifft wurde. Das griechische Wort für Papyrus – byblos – ist von dieser Stadt abgeleitet, weil hier der ägyptische Schreibstoff umgeschlagen wurde; daraus entstand später 'Bibel'. Sidon (Saida) galt als die älteste der phönizischen Metropolen und hatte eine führende Rolle im Glashandwerk und in der Purpurfärberei. Tyros (Sur), auf einer Insel vor der Küste gelegen und später durch einen Damm mit dem Festland verbunden, war im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. die mächtigste phönizische Stadt und Ausgangspunkt der bedeutendsten Kolonisierungswellen. Von ihr leitet sich die Gründergeschichte von Karthago ab.

Die Ausgrabungsstätten in Byblos sind gut zugänglich und zeigen Überreste aus dem Neolithikum bis in die Kreuzfahrerzeit; das phönizische Kerngebiet ist jedoch durch spätere Bebauung und die anhaltend komplizierte politische Lage im Libanon nur teilweise erschlossen.

Das Alphabet

Die bedeutendste Hinterlassenschaft der Phönizier ist kein Bauwerk, sondern ein Schreibsystem. Das phönizische Alphabet, das sich im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. aus früheren semitischen Schriften herausentwickelte, umfasste 22 Konsonanten – Vokale wurden nicht geschrieben. Die Griechen übernahmen es, fügten Vokalbuchstaben hinzu und schufen so das griechische Alphabet; aus dem griechischen entwickelten sich das lateinische und das kyrillische Alphabet. Die aramäische Schrift, ebenfalls aus dem phönizischen Alphabet abgeleitet, wurde zur Grundlage des hebräischen, arabischen und zahlreicher anderer Schriften des Nahen Ostens. Fast jede heute gebräuchliche alphabetische Schrift ist historisch auf das phönizische Alphabet zurückzuführen.

Karthago: die bedeutendste Kolonie

Die berühmteste phönizische Gründung außerhalb der Levante war Karthago (qart hadasht: 'neue Stadt'), laut antiker Überlieferung um 814 v. Chr. von der tyranischen Königstochter Dido, in phönizischen Quellen Elissa genannt, gegründet – auf dem Gebiet des heutigen Tunesien am Nordufer Afrikas. Aus einer Handelsstation wurde ein Stadtsstaat und schließlich eine Großmacht, die weite Teile Nordafrikas, Sardiniens, auf Sizilien und der iberischen Halbinsel kontrollierte. Die Punischen Kriege (264–146 v. Chr.) zwischen Karthago und Rom gehören zu den verheerendsten Konflikten der Antike; 146 v. Chr. wurde Karthago nach dreijähriger Belagerung von römischen Truppen unter Scipio Aemilianus zerstört und eingeebnet.

Die archäologische Stätte von Karthago, heute ein Vorort der tunesischen Hauptstadt Tunis, ist UNESCO-Welterbe. Zu sehen sind Überreste des Tophets – einer Kultanlage, an der Urnen mit Kinderknochen gefunden wurden, deren Deutung als Opferstätte umstritten bleibt –, der punischen Häfen, des antiken Wohnviertels Byrsa und der ausgedehnten römischen Stadtanlage, die über der punischen Stadt angelegt wurde.

Kolonien im westlichen Mittelmeer

Neben Karthago gründeten die Phönizier und später die Karthager ein weitverzweigtes Netz von Stützpunkten. Auf der Iberischen Halbinsel gründete Tyros um das 8. Jahrhundert v. Chr. Gadir (das heutige Cádiz), eine der ältesten dauerhaft besiedelten Städte Westeuropas. Auf Sardinien sind phönizische Siedlungen in Sulci (Sant'Antioco), Tharros und Nora archäologisch belegt. Auf Sizilien war Motya (Mozia), eine Insel vor der Westküste Siziliens, ein bedeutendes phönizisches Zentrum, bevor es 397 v. Chr. von den Syrakusanern unter Dionysios I. zerstört wurde. Die Ausgrabungen auf Motya haben herausragende Skulpturen geliefert, darunter den 'Jüngling von Motya', eine Marmorstatue von außergewöhnlicher Qualität.

Auf Malta erinnern phönizische und punische Inschriften sowie Kultanlagen daran, dass die Insel jahrhundertelang im phönizisch-punischen Einflussbereich lag. Der Name 'Malta' selbst könnte phönizischen Ursprungs sein.

Handel und Handelsgüter

Das phönizische Wirtschaftssystem beruhte auf dem Austausch von Rohstoffen gegen verarbeitete Luxusgüter. Zedernholz, Sklaven und Edelmetalle aus dem Westen wurden gegen Glas, Elfenbeinschnitzereien, Bronzewaren, Textilien und eben jenen Purpur aus der Levante getauscht. Phönizisches Glas, hergestellt aus Sand der levantinischen Küste, war in der gesamten antiken Welt begehrt; phönizische Elfenbeinschnitzereien fanden sich in assyrischen Palästen, griechischen Heiligtümern und iberischen Fürstengräbern. Ob die Phönizier tatsächlich um Africa herum bis an die Atlantikküste Westafrikas oder sogar nach Britannien segelten, ist für einzelne Expeditionen historisch belegt – Herodot berichtet von einer von Pharao Necho II. beauftragten Umsegelung Afrikas um 600 v. Chr.

Was heute zu sehen ist

Die archäologisch fassbaren phönizischen Hinterlassenschaften sind fragmentarisch, weil die meisten Küstenstädte ohne Unterbrechung besiedelt wurden und spätere Schichten das Phönizische überdecken. In Byblos lässt sich der Übergang von der bronzezeitlichen zur eisenzeitlichen Schicht noch gut ablesen. Das Nationalmuseum in Beirut bewahrt bedeutende phönizische Objekte, darunter Sarkophage aus Sidon mit griechisch beeinflussten Reliefs. Karthago und Motya sind die zugänglichsten Stätten mit sichtbarer phönizischer und punischer Substanz.

Die Karte öffnen, um phönizische Gründungen vom Libanon bis nach Cádiz in ihrer geografischen Ausdehnung zu sehen.

Ein Erbe aus Zeichen

Die Phönizier sind keine monumental präsente Zivilisation im archäologischen Sinn – kein Kolosseum, keine Pyramide, kein Parthenon trägt ihren Namen. Aber in dem Augenblick, in dem Sie diese Zeilen lesen, benutzen Sie ein Schriftsystem, das in direkter Linie auf phönizische Steinmetze und Schreiber zurückgeht, die vor mehr als drei Jahrtausenden an der Küste des heutigen Libanons arbeiteten. Das ist eine Hinterlassenschaft, die kein Monument übertreffen kann.