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Meeresarchäologie und Schiffswracks: Ausgrabungen auf dem Meeresgrund

Der Meeresboden als Archiv

An Land zerstört die Zeit Holz, Leder, Textilien und organische Materialien innerhalb weniger Jahrhunderte. Unter dem Meer — insbesondere in kalten, sauerstoffarmen oder schlammreichen Gewässern — können dieselben Materialien jahrtausende­lang erhalten bleiben. Schiffe, die versanken, nahmen ihr Ladung, ihre Ausrüstung und manchmal ihre Besatzung mit in eine Welt, die lange außerhalb der Reichweite menschlicher Neugier lag. Erst die Entwicklung autonomer Tauchausrüstung nach dem Zweiten Weltkrieg und — in den letzten Jahrzehnten — ferngesteuerter Unterwasserfahrzeuge öffnete dieses Archiv für die Wissenschaft.

Meeresarchäologie ist heute eine voll anerkannte, methodisch eigenständige Teildisziplin der Archäologie. Sie entwickelt eigene Prospektionsmethoden (Sonar, Magnetometrie, Sub-Bottom-Profiler), eigene Ausgrabungstechniken (hydraulische Saugpumpen, Sedimentsäulen), eigene Konservierungsverfahren für wassergetränktes Holz und eigene rechtliche Rahmenbedingungen. Das Ergebnis: ein wachsendes Corpus von Funden, das das Bild des antiken Handels, der Schiffbautechnik und der Seefahrt revolutioniert hat.

Das Wrack von Uluburun

Kein einzelnes Meeresarchäologisches Fundstück hat das Verständnis der Spätbronzezeit so grundlegend verändert wie das Wrack von Uluburun, entdeckt 1982 nahe Kas an der türkischen Ägäisküste. Das Schiff sank um etwa 1306 v. Chr. — ein Datum, das aus Dendrochronologie der Holzfragmente und Radiokarbon-Daten erschlossen wurde. Bei über 11 Metern Tiefe konservierte der Meeresboden seinen Inhalt bis zur Entdeckung fast vollständig.

Die Ladung war ein Fenster in die internationale Diplomatie und den Fernhandel der Bronzezeit: Rund zehn Tonnen Kupfer in Ochsenhaut-Form (die charakteristischen Barren der Spätbronzezeit), etwa eine Tonne Zinnbarren, Elfenbein aus Syrien und Afrika, Ebenholz aus Nubien, Terebinthe-Harz (ein Räuchermittel oder Holzkonservierungsstoff), Glas in Kobaltblau und Türkis, Gold- und Silberschmuck, mykenische Keramik, kanaanäische Amphoren, hethitische Siegel, ägyptische Skarabäen und ein goldener Skarabäus mit dem Namen Nofretetes. Das Schiff fuhr wahrscheinlich die Route entlang der levantinischen Küste nach Zypern, Ägäis und zurück — ein schwimmender Beweis für ein Handelsnetz, das weit über die Grenzen einzelner Kulturen hinausreichte.

Amphoren und Handelsrouten

Amphoren — zweihenklige Transportbehälter aus gebranntem Ton — sind das häufigste Fundmaterial antiker Mittelmeerschiffswracks. Ihr Inhalt (Wein, Öl, Garum, Trockenfrüchte) ist oft organisch nicht mehr nachweisbar, aber durch chemische Analyse der Innenwände manchmal noch identifizierbar. Die Stempel auf Amploren-Henkeln verraten Herkunftsregion, Töpfer und manchmal sogar das Produktionsjahr.

Das Wrack von Grand Congloué bei Marseille (entdeckt 1952 von Cousteau) trug Tausende von italischen Weinamphoren des 2. Jahrhunderts v. Chr. und erlaubte frühe wichtige Erkenntnisse über den Weinhandel der Römischen Republik. Das Wrack von Madrague de Giens (Frankreich, entdeckt 1972) aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. enthielt schätzungsweise 8000 Amphoren des Typs Dressel 1B — die vollständigste Ladung eines antiken Handelsschiffes, die je entdeckt wurde. Solche Funde können auf der interaktiven Karte mit Fundorten und Routen in Verbindung gesetzt werden.

Antikythera: Der Mechanismus und sein Wrack

Das Wrack von Antikythera, zwischen Kythera und Kreta in rund 45 Metern Tiefe liegend, wurde 1900 von Schwamm­tauchern entdeckt. Griechische Archäologen bargen zwischen 1900 und 1901 Bronze- und Marmorstatuen, Glas, Keramik und organische Reste aus einem Schiff des frühen 1. Jahrhunderts v. Chr. Doch der bedeutendste Fund war zunächst unscheinbar: ein verkorster Bronzeklumpen, der erst Jahrzehnte später als Mechanismus erkannt wurde.

Der Antikythera-Mechanismus ist ein Differenzialgetriebe aus 82 erhaltenen Bronzezahnrädern, das Sonnenmonde, Planetenkonstellationen und den Saros-Zyklus für Finsternisvorhersagen berechnen konnte — eine astronomische Rechenmaschine von einer Komplexität, die in der antiken Überlieferung nirgends beschrieben ist und die das technologische Können des hellenistischen Griechenland in einem neuen Licht erscheinen lässt. Sie datiert in das späte 2. oder frühe 1. Jahrhundert v. Chr. und wurde möglicherweise in Rhodos oder Syrakus gefertigt. Seitdem wurden weitere Taucheinsätze auf dem Wrack unternommen, und 2016 wurde das Fragment eines menschlichen Skeletts geborgen.

Versunkene Häfen und Küstenarchäologie

Nicht nur Schiffe versinken — ganze Hafenstädte können durch tektonische Senkungen oder Meeresspiegel­anstiege unter Wasser geraten. Caesarea Maritima in Israel, der große von Herodes dem Großen um 22 v. Chr. begonnene Kunsthafen, versank teilweise durch die Kompaktierung des Untergrundes. Unterwasserarchäologen der Haifa University und des Caesarea Ancient Harbour Excavation Project haben die hydraulischen Betonkonstruktionen des Hafens und seine Kaimauern in bis zu zehn Metern Tiefe kartiert.

Das antike Hafen­gelände von Alexandria in Ägypten wurde durch ein tektonisches Ereignis des 4. Jahrhunderts n. Chr. teilweise überschwemmt. Franck Goddios Unterwasserexpedition der 1990er und 2000er Jahre barg dort den Leuchtturm-Komplex und Überreste des Königsviertels. Tauchende Archäologen der Mission kartierten Sphingen, Statuen, Säulen und Bodenplatten in zehn bis acht Metern Tiefe — eine versunkene Weltstadt, die unter dem Hafen des modernen Alexandria liegt.

Methoden der Unterwasserarchäologie

Die Unterwasserarchäologie hat eine eigene Methodik entwickelt, die an die spezifischen Bedingungen unter Wasser angepasst ist. Prospektionsmethoden umfassen Seiten-Sonar für die flächige Kartierung des Meeresbodens, Multibeam-Echolot für dreidimensionale Geländemodelle, Sub-Bottom-Profiler für Strukturen unter dem Sediment und Magnetometer für Eisenteile und eisenhaltige Objekte.

Die Ausgrabung selbst erfolgt meist mit Wassersaugpumpen (airlifts), die Sediment aus dem Grabungsbereich absaugen, mit Millimeterpumpen für delikate Proben und mit manuell gesteuerten Stichlöffeln für fragile Objekte. Die gesamte Dokumentation — Fotos, Zeichnungen, Messungen — muss unter Wasser und unter Zeitdruck von Tauchpausen stattfinden. Moderne ROVs (Remotely Operated Vehicles) erlauben es heute, in Tiefen von mehreren Tausend Metern zu arbeiten, die kein Taucher je erreichen kann.

Konservierung wassergetränkter Hölzer ist eine der schwierigsten Aufgaben der Archäologie. Das Wrackholz des Vasa-Schiffs (Stockholm, gesunken 1628, geborgen 1961) wurde jahrzehntelang mit Polyethylenglykol behandelt, um das Wasser im Holz schrittweise zu ersetzen — ein Prozess, der bis in die 1990er Jahre dauerte. Ältere Schiffshölzer, wie die des bronzezeitlichen Wracks von Dover (England), benötigen ähnlich aufwendige Stabilisierungsverfahren.

Rechtliche und ethische Fragen

Schiffswracks sind in vielerlei Hinsicht rechtlich und ethisch komplexe Orte. Viele Wracks liegen in internationalen Gewässern, wo die Unesco-Konvention zum Schutz des Unterwasserkulturerbes von 2001 gilt, die eine kommerzielle Verwertung von Funden verbietet. In nationalen Gewässern gelten die Gesetze des jeweiligen Staates, die erheblich variieren.

Militärische Wracks sind besondere Fälle: Sie gelten häufig als Kriegsgräber, und das Bergen von Materialien gilt als Störung einer Totenruhestätte. Das Wrack der HMS Erebus und der HMS Terror (die Schiffe der Franklin-Expedition, versunken 1846 in der Arktis) ist kanadischer Staatsbesitz und wird entsprechend unter Beteiligung indigener Gemeinschaften verwaltet.

Die Meeresarchäologie steckt trotz enormer Fortschritte noch in den Anfängen. Schätzungen zufolge liegen im Mittelmeer allein Hunderttausende unentdeckter Wracks — ein Archiv, das die nächsten Generationen beschäftigen wird.