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Griechische Tempelarchitektur

Der Tempel als Wohnstatt des Gottes

Ein griechischer Tempel war nicht das, was eine christliche Kirche ist. Er war kein Versammlungsraum für Gläubige, kein Predigthaus, keine Gemeindehalle. Er war das Haus einer Gottheit — die Adresse, an der die Gottheit in Form ihrer Kultstatue residierte. Der innere Raum, das Naos oder Cella, war eng, oft düster, den Gläubigen in der Regel nicht zugänglich. Das Ritual, die Opferung, die Prozession spielten sich draußen am Altar ab, der vor der Ostseite des Tempels stand. Die Architektur des Tempels war daher in erster Linie nach außen gerichtet: Die Säulenumgänge, Giebel und Friese waren Botschaften an den Betrachter im Freien.

Die drei Ordnungen: Mehr als Dekoration

Die antike Architekturtheorie — vor allem Vitruv, der im 1. Jahrhundert v. Chr. schrieb — unterschied drei Säulenordnungen, die man noch heute in kaum einem Architekturhandbuch übergehen kann.

Die dorische Ordnung ist die älteste und strengste. Ihre Säulen haben keinen Sockel; sie stehen direkt auf dem dreistufigen Stufenbau (Stylobat). Der Schaft ist gedrungen und verjüngt sich kräftig nach oben, das Kapitell besteht aus einem schlichten runden Wulst (Echinus) und einer flachen quadratischen Platte (Abakus). Der Fries über den Säulen wechselt in regelmäßigem Rhythmus Triglyphen — dreifach gerillte Platten — mit Metopen ab, die reliefiert oder bemalt sein konnten. Das Parthenon in Athen, das in den 440er Jahren v. Chr. unter Perikles gebaut wurde, ist das bekannteste dorische Gebäude, auch wenn es in seiner Ausführung subtile Verfeinerungen enthält, die vom reinen Typ abweichen.

Die ionische Ordnung, im östlichen Ägäisraum und in Kleinasien entwickelt, ist schlanker und eleganter. Die Säulen haben einen Sockel, der Schaft ist schlanker, und das Kapitell schmücken zwei seitliche Spiralvoluten. Der ionische Fries läuft als kontinuierliches Band von Reliefs um das Gebäude, ohne Triglyphen. Der Artemistempel in Ephesus, dessen erster Bau ins 6. Jahrhundert v. Chr. datiert und der in der Antike als eines der Sieben Weltwunder galt, war ionisch; von ihm sind heute nur Fundamentreste und ein wiederaufgerichtetes Fragment zu sehen.

Die korinthische Ordnung, die späteste der drei, unterscheidet sich von der ionischen hauptsächlich durch das Kapitell: einen Kelch aus zwei Reihen von Akanthusblättern, aus dem Voluten hervorwachsen. Vitruv knüpft die Erfindung an den Bildhauer Kallimachos, der angeblich durch einen von Akanthus überwucherten Korb zu dem Motiv inspiriert wurde. Die korinthische Ordnung wurde erst in der hellenistischen Zeit (nach 323 v. Chr.) und besonders im römischen Bauwesen zur vorherrschenden Form.

Paestum: Drei Tempel, drei Jahrhunderte

Nirgendwo lässt sich die Entwicklung des dorischen Tempels so direkt studieren wie in Paestum in der süditalienischen Campania, der griechischen Kolonie Poseidonia. Drei Tempel stehen dort noch aufrecht und in einem Erhaltungszustand, den die meisten griechischen Stätten nicht erreichen.

Der sogenannte Basilica-Tempel, der in Wirklichkeit ein Heratempel ist und um 560–550 v. Chr. datiert, zeigt die altertümliche, schwere Form: neun Säulen an der Langseite, stark ausgeprägte Verjüngung, kein völliger Abschluss der Interkolumnien. Der Tempel des Hephaiston, von den Ortsbewohnern Neptuntempel genannt, entstand rund ein Jahrhundert später und demonstriert die Reife des archaischen Stils: sechs mal vierzehn Säulen, harmonische Proportionen, gut erhaltene Triglyphen-Metopen-Abfolge. Der dritte, der sogenannte Ceres-Tempel, ist tatsächlich Athene geweiht und mischt ionische Elemente. Paestum ist UNESCO-Welterbe und ganzjährig zugänglich; die Tempel leuchten im Abendlicht in warmem Sandstein-Gelb, einer Färbung, die an klassischen Marmortempeln verloren gegangen ist.

Akropolis und Parthenon: Das Meisterwerk der Überreferenzierung

Das Parthenon ist eines der am häufigsten reproduzierten und am meisten missverstandenen Gebäude der Geschichte. Schon in der Antike war es keine normale Kultstätte, sondern eher ein Schatzhaus und Monument des athenischen Imperialismus — die Baukosten wurden aus dem Bundesschatz der Delischen Liga bezahlt, was die Verbündeten Athens nicht unbedingt begrüßten.

Was die Konstruktion auszeichnet, sind die so genannten optischen Korrekturen: Der Stylobat wölbt sich in der Mitte leicht nach oben, statt gerade zu verlaufen, was verhindern soll, dass ein Gebäude in dieser Größe in der Mitte optisch durchzuhängen scheint. Die Säulen neigen sich ganz leicht zur Mitte hin und nach innen und haben eine leichte Ausbauchung (Entasis) in der Mitte des Schafts. All diese Abweichungen von der Geraden sind im Millimeterbereich, aber sie sind bewusst eingearbeitet und geben dem Gebäude eine organische Lebendigkeit, die rein geometrische Formen vermissen lassen.

Die Skulpturen des Parthenon — Friese, Metopen und Giebelgruppen, von Pheidias geleitet — sind teils im Akropolismuseum in Athen, teils im British Museum in London. Die Frage der Rückgabe der Elgin Marbles bleibt ein ungelöstes Kapitel in der Geschichte der Kulturgüter.

Knossos, Delos und der Tempel jenseits von Athen

Es wäre falsch, die griechische Tempelarchitektur auf Athen und die drei Ordnungen zu reduzieren. Die Insel Delos, nach der Mythologie Geburtsort von Apollo und Artemis, war eines der wichtigsten Heiligtümer der griechischen Welt und beherbergte Tempel verschiedenster Perioden und Baustile. Heute ist die unbewohnte Insel ein archäologisches Reservat und UNESCO-Welterbe, auf dem man zwischen Ruinen aller Epochen spaziert, ohne Museumszäune.

In Sizilien, das zum Kerngebiet der griechischen Kolonisation gehörte, stehen im Tal der Tempel bei Agrigento sieben dorische Tempel in einer Dichte, die auf dem griechischen Festland nicht erreicht wird. Der sogenannte Concordia-Tempel aus dem späten 5. Jahrhundert v. Chr. ist einer der weltweit am besten erhaltenen griechischen Tempel — sein Überleben ist einer Umnutzung als Kirche im 6. Jahrhundert n. Chr. zu verdanken.

Wer griechische Tempelarchitektur aus erster Hand erleben will, findet auf der interaktiven Karte Standorte von klassischen Heiligtümern von Südspanien bis Westanatolien.