Epigraphik und antike Inschriften
Schrift im Stein
Wenn ein antikes Gebäude abbrennt, verfault das Holz und zerfällt der Putz. Was bleibt, ist meistens der Stein — und manchmal trägt dieser Stein Buchstaben. Inschriften sind das direkteste Medium, durch das die Vergangenheit mit uns spricht: nicht gefiltert durch spätere Abschriften, nicht paraphrasiert von Bibliothekaren, nicht interpretiert von Kommentatoren. Sie sind Original. Dass sie bisweilen mehr Fragen aufwerfen als sie beantworten, macht sie für die Altertumswissenschaft sowohl frustrierend als auch unverzichtbar.
Die Epigraphik — die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit Inschriften auf festen Trägern wie Stein, Metall, Ton und Holz befasst — ist eine der ältesten Hilfswissenschaften der Altertumskunde. Ihre Methoden umfassen Paläographie (die Analyse von Schriftformen), Sprachgeschichte, metrische Analyse, Bildprogrammforschung und die Einbettung der Texte in ihren architektonischen und sozialen Kontext.
Griechische und lateinische Inschriften: Die Masse der Überlieferung
Allein die griechische Epigraphik kennt mehrere hunderttausend dokumentierte Inschriften aus dem gesamten Mittelmeerraum — von Spanien bis Afghanistan, von Ägypten bis zur Krim. Das Corpus Inscriptionum Latinarum, das größte systematische Editionsprojekt der klassischen Altertumswissenschaft, enthält über 180.000 lateinische Texte und wächst durch Neufunde jedes Jahr weiter.
Diese Masse erklärt sich aus der antiken Gewohnheit, alles Bedeutsame in Stein zu hauen: Beschlüsse von Volksversammlungen, Ehrungen für Wohltäter, Weihgaben, Grabdenkmäler, Vertragstexte, Bauinschriften, Kalender, Besitzermarkierungen auf Gefäßen, Reparaturdaten an Wasserkanälen. Wer in einer griechischen oder römischen Stadt etwas zu sagen hatte, ließ es einmeißeln.
Die Inschrift am Triumphbogen des Titus auf dem Forum Romanum in Rom, die wohl um 81 n. Chr. gesetzt wurde, nennt nur wenige Namen und feiert den Sieg über Jerusalem. Kombiniert mit dem Bildrelief der geraubten Menora aus dem Herodianischen Tempel gibt sie ein dichtes historisches Zeugnis: politisch parteiisch, bildlich eindeutig, datierbar auf wenige Jahre.
Die Behistun-Inschrift: Ein dreisprachiger Schlüssel
Vergleichbar mit dem Einfluss der Rosetta Stone auf die Ägyptologie hatte die Behistun-Inschrift im heutigen Iran auf die Entzifferung der Keilschrift. König Darius I. ließ um 520 v. Chr. in die Felswand eines Bergpasses im Zagros-Gebirge einen monumentalen Text einhauen — in drei Sprachen: Altpersisch, Elamisch und Babylonisch. Der Text schildert in propagandistischer Weise die Niederschlagung von Aufständen, die Darius' Thronbesteigung begleiteten.
Henry Rawlinson, ein britischer Offizier in persischen Diensten, kopierte die Inschriften zwischen 1835 und 1847 in halsbrecherischen Kletterpartien an der senkrechten Felswand ab. Mithilfe des altpersischen Textes, den man schon teilweise verstand, konnte er die babylonische Keilschrift entschlüsseln — und damit eine der wichtigsten Schrifttraditionen der Menschheit erschließen, die zuvor seit fast zwei Jahrtausenden unlesbar gewesen war.
Phönizisch, Lykisch, Etruskisch: Schriften am Rand des Bekannten
Nicht alle antiken Schriften konnten so elegant entschlüsselt werden. Das Lykische, die Sprache der Bevölkerung Südwestanatoliens im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr., ist aus Grabinschriften wie jenen der Felsgräber von Myra bekannt. Die Sprache ist lesbar — das Alphabet basiert auf griechischen Vorbildern — aber das Verständnis des Wortschatzes ist unvollständig geblieben.
Das Etruskische, die Sprache der Etrusker auf der Apenninhalbinsel vor der römischen Expansion, ist dagegen weitgehend lesbar, weil viele Texte aus bilingualen Inschriften oder aus formal vertrauten Grabformeln stammen. Ernsthaft unklar bleibt, was die Sprache linguistisch genau ist: Sie hat keine belegten Verwandten unter den bekannten Sprachfamilien. Inschriften wie jene der langen Leinentexte vom Grab von Salone, heute in Zagreb erhalten, bezeugen ein reiches Ritual- und Verwaltungsschrifttum, das wir in den Umrissen, aber nicht immer im Detail verstehen.
Graffiti: Die Stimmen der Namenlosen
Neben offiziellen Ehrungsinschriften und Staatstexten sind es oft die inoffiziellen Zeichen, die am stärksten berühren. Pompeii, das durch den Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. unter Asche begraben wurde, hat über 11.000 Wandinschriften geliefert — Graffiti im wörtlichen Sinn, Gekritzeltes. Wahlkampfparolen, in denen Bäcker und Goldschmiede bestimmte Kandidaten für städtische Ämter empfehlen. Preisangaben für Wein und Tagesgerichte in Wirtshäusern. Liebesbekenntnisse. Schimpfworte. Rätsel.
Einer der berühmtesten Texte lautet schlicht: Fullones ululamque cano — Ich singe von den Walkern und der Eule. Eine Parodie auf Vergils Aeneis-Anfang, ersonnen von jemandem, der in der Wäscherei arbeitete und des Lateinischen so weit kundig war, dass er damit spielen konnte. Kein Name. Kein Amt. Nur eine Stimme.
Epigraphik als Archäologie der Gesellschaft
Grab- und Ehreninschriften liefern der Sozialgeschichte Daten, die keine andere Quelle bietet. Die römischen Grabsteine der Soldaten, besonders jene aus den Garnisonen am Rhein und an der Donau, nennen Herkunft, Dienstjahre, Alter beim Tod und den Namen der Person, die den Stein setzte. Ausgewertet in ihrer Gesamtheit erlauben sie Rückschlüsse auf Lebenserwartung, Migrationsbewegungen, Heiratsgewohnheiten und Beförderungsraten — statistische Befunde, die für die antike Welt sonst kaum erreichbar sind.
In Aphrodisias in Westanatolien, einer Stadt, die besonders gut epigraphisch erhalten ist, hat ein langjähriges Forschungsprojekt die Inschriften der gesamten Stadt systematisch dokumentiert und in einem eigenen Corpus publiziert. Die Texte zeigen eine Gesellschaft, die Bildung, lokalen Patriotismus und Verbindungen zur römischen Kaisermacht durch den Stein öffentlich verhandelte.
Lesen, was die Steine noch sagen
Viele Inschriften sind nicht in Museen, sondern noch in situ — an Tempelfassaden, in Theateranlagen, auf Grabbauten, in die Pflasterung von Foren eingelassen. Wer antike Stätten besucht, lohnt es, langsam zu lesen, statt schnell zu photographieren. Die Buchstaben römischer Inschriften wurden häufig mit roter Farbe ausgemalt, von der manchmal noch Spuren erkennbar sind.
Öffnen Sie die Karte, um Stätten mit bekannten Inschriftenfunden zu entdecken — von den Ruinen des Forum Romanum bis zu den lykischen Felsgräbern an der türkischen Mittelmeerküste. Die Steine haben noch viel zu sagen.