Keilschrift und Tontafeln
Die Erfindung der Schrift
Die Schrift wurde nicht erfunden, um Literatur zu schaffen oder Geschichte zu bewahren. Sie entstand, weil Verwaltungsapparate eine verlässliche Methode brauchten, Gütermengen, Schulden und Arbeitszuteilungen zu verzeichnen, die über das hinausgingen, was menschliches Gedächtnis allein bewältigen konnte. Die frühesten Schriftzeugnisse der Menschheit, aus Uruk in Südmesopotamien, datieren auf etwa 3400 bis 3100 v. Chr. und sind buchstäblich Buchhaltungsbelege: Listen von Getreide, Vieh und Arbeitskräften, geritzt in Tontafeln mit einem Schilfstängel-Griffel.
Wie Keilschrift funktioniert
Der Name 'Keilschrift' (lateinisch cuneus, 'Keil') beschreibt die Form der Eindrücke: Der Schreiber presste das abgeschnittene Ende eines Schilfrohr-Griffels schräg in noch feuchten Ton und erzeugte so keilförmige Abdrücke, die in bestimmten Kombinationen als Zeichen fungierten. Frühe Keilschrift war piktografisch — ein stilisierter Kopf bedeutete 'Kopf', eine Ähre 'Gerste' — aber die Zeichen wurden über Generationen zunehmend abstrahiert und verloren ihren bildlichen Charakter. Gleichzeitig entwickelte sich das System von der reinen Wortschrift (ein Zeichen = ein Wort oder Begriff) hin zu einem gemischten System, das sowohl Wörter als auch Silben darstellen konnte.
Die Keilschrift war eine so nützliche Technologie, dass sie von verschiedenen Sprachen übernommen wurde, ohne dass diese sprachliche Verwandtschaft voraussetzte. Sumerisch, Akkadisch, Babylonisch, Assyrisch, Hethitisch, Elamisch, Ugaritisch, Hurritisch und Altpersisch wurden alle in Keilschrift geschrieben — mit jeweils angepassten Zeichenrepertoires.
Das Archiv von Ebla
1974 entdeckten Archäologen im syrischen Tell Mardikh — dem antiken Ebla — ein Archiv von rund 17.000 Tontafeln, das aus dem späten 3. Jahrtausend v. Chr. stammte. Die Tafeln lagen in einem eingestürzten Holzregal, und die Brandkatastrophe, die die Stadt zerstört hatte, hatte sie paradoxerweise durch Brennen konserviert. Das Archiv von Ebla war das erste vollständige Staatsarchiv der Antike, das in situ gefunden wurde: Verträge, diplomatische Briefe, Inventarlisten, religiöse Texte, Hymnen und zweisprachige Glossare (Sumerisch-Eblaïtisch) — ein vollständiges Bild einer bronzezeitlichen Handelsmetropole, die Verbindungen bis nach Mesopotamien, Zypern und Ägypten hatte.
Assurbanipals Bibliothek in Ninive
Das berühmteste Schriftarchiv der antiken Welt entstand im 7. Jahrhundert v. Chr. auf Initiative des assyrischen Königs Assurbanipal (regierte 668 bis etwa 627 v. Chr.) in seiner Hauptstadt Ninive. Assurbanipal war ein außergewöhnlich gebildeter Herrscher, der die Keilschrift selbst beherrschte und systematisch Abschriften aller erreichbaren literarischen und wissenschaftlichen Texte des mesopotamischen Kulturraums sammelte. Seine Bibliothek umfasste rund 30.000 Tontafeln und Fragmente, die bei der Zerstörung Ninives 612 v. Chr. durch die Babylonier und Meder unter dem Trümmerschutt begraben wurden. Als britische Archäologen in den 1840er Jahren begannen, den Hügel Kuyunjik auszugraben, kamen die Tafeln ans Licht. Sie sind heute in weiten Teilen im British Museum in London.
Unter den Texten aus Ninive befindet sich das Gilgamesch-Epos, das älteste erhaltene literarische Werk der Weltliteratur. Besonders die Tafel XI, die die Sintflutgeschichte enthält, erregte bei ihrer Entzifferung im Jahr 1872 durch George Smith weltweites Aufsehen, da sie der biblischen Sintfluterzählung frappierend ähnelt. Das Epos war ursprünglich in ältere Traditionen eingebettet; die vollständigste erhaltene Version aus Ninive datiert auf das 7. Jahrhundert v. Chr., doch Vorläufer reichen ins frühe 2. Jahrtausend v. Chr. zurück.
Die Amarna-Briefe: Diplomatie in Ton
In der ägyptischen Wüstenstadt Tell el-Amarna, der kurzlebigen Hauptstadt Pharao Echnatons (regierte um 1353 bis 1336 v. Chr.), wurden 1887 zufällig durch eine Bäuerin rund 380 Tontafeln entdeckt. Die Amarna-Briefe sind der diplomatische Briefwechsel des Pharaonenhofs mit den Königen von Babylonien, Assyrien, Hatti, Mitanni und zahlreichen kleineren Stadtfürsten Kanaans. Geschrieben auf Akkadisch — der diplomatischen Lingua franca des 2. Jahrtausends v. Chr. — zeigen sie eine höfisch durchzivilisierte, von Gaben, Beleidigungen und fein abgestuftem Prestige bestimmte Weltordnung. Einige Briefe enthalten Klagen der kleinen kanaanäischen Vasallen über Bedrohungen durch Habiru-Gruppen, was manche Forscher mit der biblischen Einwanderungserzählung in Verbindung gebracht haben.
Entzifferung der Keilschrift
Die Keilschrift war im frühen 19. Jahrhundert vollständig in Vergessenheit geraten. Ihre Entzifferung begann mit dem mehrsprachigen Felsinschriftenrelief von Behistun im heutigen Iran, das Darius I. um 520 v. Chr. in Altpersisch, Elamisch und Babylonisch einhauen ließ. Der britische Offizier Henry Rawlinson kopierte die schwer zugängliche Inschrift in den 1830er und 1840er Jahren ab Seilen hängend und konnte durch den Vergleich der drei Versionen das Altpersische entziffern, das ihm als indoeuropäische Sprache zugänglicher war. Auf dieser Basis gelang die schrittweise Erschließung des Babylonisch-Akkadischen und schließlich des Sumerischen. Heute kann eine gebildete Assyriologin oder ein gebildeter Assyrologe eine babylonische Buchhaltungstafel des 3. Jahrtausends v. Chr. mit ähnlicher Routine lesen wie ein mittelalterliches Lateindokument.
Tontafeln heute
Die wichtigsten Keilschrift-Sammlungen befinden sich im British Museum (London), im Louvre (Paris), im Vorderasiatischen Museum (Berlin) und im Iraq Museum (Bagdad). Erkunden Sie auf der Karte die archäologischen Stätten im heutigen Irak, Iran und Syrien, aus denen diese Tafeln stammen — von Uruk und Nippur bis Ebla und Ugarit.