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Hadrianswall und die römischen Grenzen

Eine Grenze quer durch die Welt

Im Jahr 122 n. Chr. besuchte Kaiser Hadrian die Provinz Britannia und ordnete den Bau einer Grenzbefestigung quer durch die schmalste Stelle der britischen Insel an — von Wallsend an der Tyne-Mündung im Osten bis Bowness-on-Solway am Solway Firth im Westen, eine Strecke von 117 Kilometern. Dieser Bau, der nach seinem Auftraggeber als Hadrianswall bekannt ist und seit 1987 zum UNESCO-Welterbe gehört, ist die bekannteste erhaltene Grenzbefestigung des Römischen Reiches. Er stellt aber nur einen Abschnitt eines weltumspannenden Grenzsystems dar, das die Römer als limes bezeichneten.

Aufbau und Funktion des Hadrianswalls

Die ursprüngliche Konstruktion war heterogen: Im östlichen Teil (etwa 45 Kilometer) wurde die Mauer aus Kalkstein in einer Breite von ursprünglich etwa drei Metern gebaut; im westlichen Teil zunächst aus gestochenen Rasenziegeln, die später durch Stein ersetzt wurden. Die Höhe ist umstritten, da kein Abschnitt vollständig erhalten ist; Schätzungen liegen zwischen vier und sechs Metern, möglicherweise mit einem hölzernen Wehrgang und Zinnen.

In Abständen von etwa einer römischen Meile (mille passuum, rund 1,5 Kilometer) stand ein kleines Wachfort (milecastle), zwischen je zwei Milekastellen standen zwei Türme. Größere Hilfstruppen-Forts wie Housesteads (Vercovicium), Chesters (Cilurnum) und Vindolanda lagen in regelmäßigen Abständen, teils direkt an der Mauer, teils südlich davon. Vindolanda ist dabei besonders berühmt, weil der Boden ausgezeichnete Erhaltungsbedingungen für organisches Material bot: Hunderte von Holztäfelchen mit Tinte beschrieben — die Vindolanda-Tafeln — lieferten intime Einblicke in den Alltag der Garnison, von Versorgungsanfragen bis zu privaten Einladungen.

Was der Limes war — und was er nicht war

Der Begriff limes bezeichnete im klassischen Latein ursprünglich einen Weg oder eine Grenzlinie; erst mit der Ausdehnung des Reiches wurde er zum Terminus für die Grenzzone. Es wäre falsch, den Limes als ein chinesisches Mauersystem zu verstehen, das jeden Durchgang verhinderte. Er war ein Kontrollsystem: Er kanalisierte Waren, Menschen und Militär an bewachten Übergängen und ermöglichte Zollerhebung, Informationsgewinnung und schnelle militärische Reaktion. Auf einem flachen Terrain konnte er eine abschreckende Wirkung haben; in bergigem Gelände war er durchlässig.

Der Obergermannisch-Raetische Limes, der 2005 ebenfalls als UNESCO-Welterbe eingetragen wurde, verläuft auf über 550 Kilometern von der Rheinmündung bei Rheinbrohl in Rheinland-Pfalz bis zum Donauufer bei Eining in Bayern. Im Gegensatz zum Hadrianswall war er hauptsächlich aus Holzpalisaden konstruiert — erst im frühen 3. Jahrhundert n. Chr. durch eine Steinmauer ersetzt — und bestand aus über 900 Wachttürmen und mehr als 100 Forts. Rekonstruierte Wachttürme wie jener bei Bad Gögging (Bayern) oder die Saalburg bei Bad Homburg, ein vollständig wiederaufgebautes Kohortenkastell, geben einen anschaulichen Eindruck der Anlage.

Der Limes in Nordafrika und im Orient

Das Grenzsystem des Römischen Reiches war kein europäisches Phänomen. In Nordafrika sicherte das Fossatum Africae, ein System von Gräben, Mauern und Forts, die Getreideanbaugebiete gegen Nomadenstämme aus der Sahara ab. Teile dieser Grenzanlage in der heutigen Algerien und Tunesien sind durch Luftaufnahmen und Satellitenbilder erforscht worden, kaum aber aus eigener Anschauung zugänglich.

Im Osten bildete der Euphrat über weite Strecken die natürliche Grenze des Reiches gegen das Partherreich und später das Sassanidenreich. Dura-Europos in der heutigen Syrien, eine Garnisonstadt am Westufer des Euphrat, hat durch seine Ausgrabungen ab den 1920er Jahren ein außergewöhnliches Bild einer multikulturellen Grenzgesellschaft des 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr. geliefert: ein Mithräum, eine christliche Hauskirche und eine jüdische Synagoge mit einzigartigen Wandmalereien lagen innerhalb derselben Stadtmauern.

Der Antoninuswall: Der Limes nördlich des Hadrianswalls

Unter Hadrians Nachfolger Antoninus Pius wurde die Grenze in Britannien um 142 n. Chr. kurzzeitig nach Norden verschoben: Der Antoninuswall, ebenfalls 2008 als Teil des UNESCO-Welterbes 'Frontiers of the Roman Empire' eingetragen, verlief von der Firth of Clyde im Westen bis zum Firth of Forth im Osten, eine Strecke von 63 Kilometern. Er bestand überwiegend aus einem Erdwall auf einem Steinfundament, etwa drei Meter hoch, mit einem tiefen Vorgraben. Die Römer gaben diesen nördlicheren Limes spätestens im frühen 3. Jahrhundert n. Chr. wieder auf und zogen sich auf den Hadrianswall zurück — ein Beweis dafür, dass der Limes weniger eine starre Grenze als ein flexibles Instrument war, das dem politischen und militärischen Kalkül angepasst wurde.

Der Zerfall des Limes und seine Nachwirkungen

Mit dem Rückzug der römischen Legionen im frühen 5. Jahrhundert n. Chr. hörte die militärische Funktion des Limes auf. Was blieb, waren die Forts, die sich in einigen Fällen zu mittelalterlichen Siedlungen entwickelten: Colchester, das römische Camulodunum, das York'sche Eboracum, das Kölner Colonia. Die Trasse des Hadrianswalls wurde als Steinbruch genutzt; John Clayton, ein Bürgermeister von Newcastle im 19. Jahrhundert, kaufte Abschnitte des Walls auf eigene Kosten auf, um sie vor weiterem Abriss zu schützen — ein privates Erhaltungsprojekt, das dem Wall seine heutige Sichtbarkeit verdankt.

Heute ist der Hadrianswall-Pfad ein 135 Kilometer langer Fernwanderweg, der von Bowness-on-Solway bis Wallsend führt. Wer die gesamten Grenzanlagen des Römischen Reiches erkunden möchte, findet auf der interaktiven Karte Forts, Wachttürme und Mauerabschnitte von der schottischen Grenze bis an den Euphrat.