Antike Amphitheater und Theater
Zwei Bautypen, eine Leidenschaft fürs Spektakel
Amphitheater und Theater werden im Volksmund oft verwechselt, doch sie sind grundverschieden in Zweck und Form. Das griechische Theater — das Theatron — war ein halbkreisförmiger Zuschauerraum, der sich an Berghänge schmiegte und für Tragödien, Komödien und Dithyramben entworfen wurde. Das römische Amphitheater hingegen war ein vollständig geschlossenes, ovales Bauwerk, das Gladiatorenkämpfe, Tierhetzen (venationes) und gelegentlich sogar Seeschlachten (naumachiae) aufnahm. Beide Bautypen spiegeln die jeweiligen Gesellschaften wider, die sie hervorbrachten: das athenische Theater als Ort bürgerlicher und religiöser Feier, das Amphitheater als Instrument kaiserlicher Kontrolle und populärer Unterhaltung.
Das griechische Theater: Epidauros und seine Nachfolger
Das am besten erhaltene griechische Theater steht in Epidauros auf der Peloponnes. Im 4. Jahrhundert v. Chr. vom Architekten Polykleitos dem Jüngeren erbaut, fasste es ursprünglich rund 6.000 Zuschauer, später wurden die Sitzreihen auf etwa 14.000 Plätze erweitert. Die Akustik gilt bis heute als nahezu perfekt: Ein geflüstertes Wort auf der kreisrunden Orchestra ist von der obersten Reihe noch deutlich zu hören. Die Geometrie dahinter — der Winkel der Sitzreihen, die Oberfläche des Kalksteins — wurde erst im frühen 21. Jahrhundert durch akustische Messungen vollständig verstanden. Epidauros steht seit 1988 auf der UNESCO-Welterbeliste und beherbergt jedes Jahr im Sommer ein internationales Theaterfestival, bei dem antike Dramen in der originalen Kulisse aufgeführt werden.
In Athen selbst war das Dionysostheater am Südhang der Akropolis der Geburtsort der abendländischen Dramatik. Hier wurden im 5. Jahrhundert v. Chr. die Tragödien des Aischylos, Sophokles und Euripides uraufgeführt. Was heute zu sehen ist, stammt überwiegend aus hellenistischer und römischer Zeit, doch der Fels selbst, auf dem die Zuschauer saßen, ist derselbe, auf dem athenische Bürger die erste Aufführung der Orestie erlebten. Weiter östlich überraschte das Theater von Aspendos in der heutigen Türkei — errichtet unter Kaiser Marcus Aurelius im späten 2. Jahrhundert n. Chr. — die Archäologen mit einem beinahe vollständig erhaltenen Bühnengebäude (Scaenae frons) aus weißem Sandstein.
Das Kolosseum: Ingenieurkunst im Dienst des Massenpublikums
Kein Bauwerk verkörpert die römische Unterhaltungskultur eindringlicher als das Amphitheatrum Flavium in Rom, das seit dem Mittelalter Kolosseum genannt wird. Unter Vespasian begonnen und im Jahr 80 n. Chr. unter Titus eingeweiht, fasste es schätzungsweise 50.000 bis 80.000 Zuschauer auf vier Rängen. Die Konstruktion aus Travertin, Tuffstein, Ziegelmauerwerk und Beton war für ihre Zeit revolutionär: 80 Bögen im Erdgeschoss, ein ausgeklügeltes System von Rampen und Korridoren, das eine geordnete Evakuierung des gesamten Gebäudes in wenigen Minuten ermöglichte. Unterhalb der Arena befand sich das Hypogäum — ein Labyrinth aus Gängen, Käfigen und Aufzugsschächten, durch die Tiere und Kämpfer auf die Kampffläche gebracht wurden.
Das Kolosseum ist heute das meistbesuchte antike Monument der Welt und seit 1980 UNESCO-Welterbe als Teil des historischen Zentrums Roms. Trotz der Entnahme von Baumaterial über Jahrhunderte — der Travertin und die Bronzeklammern wurden im Mittelalter für den Bau von Palästen und der Peterskirche verwendet — steht die äußere Nordseite noch vollständig. Die Restaurierungen des frühen 21. Jahrhunderts haben Teile des Holzbodens der Arena rekonstruiert.
Kleinere Amphitheater: Verona, El Djem und Nîmes
Der Amphitheaterbau war kein Privileg der Hauptstadt. Verona erhielt sein Amphitheater im frühen 1. Jahrhundert n. Chr., und es ist heute mit rund 30.000 Plätzen noch so gut erhalten, dass die Arena di Verona seit 1913 als Opernbühne dient — eine der ungewöhnlichsten Umdeutungen eines antiken Bauwerks in der Geschichte. El Djem in der tunesischen Steppe, das alte Thysdrus, besitzt das drittgrößte je erbaute Amphitheater; die fast vollständig erhaltene Außenfassade mit ihren drei Arkadengeschossen steht isoliert in der Ebene und ist seit 1979 UNESCO-Welterbe. In Nîmes (Nemausus) und Arles (Arelate) in der Provence haben die Amphitheater die Jahrtausende ebenfalls überlebt und wurden im Mittelalter zu regelrechten Stadtvierteln umgebaut, indem Wohnhäuser in die Arkaden eingebaut wurden.
Odeon und Odeion: Die kleinen Musiktheater
Neben den großen Freilichttheatern gab es in griechischen und römischen Städten das überdachte Odeion, ein kleineres Gebäude für Musikaufführungen, Vorträge und dichterische Wettbewerbe. Das Odeion des Herodes Atticus an der Akropolis in Athen, im 2. Jahrhundert n. Chr. errichtet, ist das bekannteste erhaltene Exemplar: Es fasst rund 5.000 Besucher und wird noch immer für Konzerte und Theateraufführungen genutzt. In Pompeji ist das kleine Theater (Theatrum Tectum) mit seinen rund 1.500 Plätzen vollständig erhalten und gibt einen guten Eindruck davon, wie das Innere eines Odeions vor dem Brand von 79 n. Chr. ausgesehen haben muss.
Was heute noch zu sehen ist
Die Dichte erhaltener antiker Theater und Amphitheater rund ums Mittelmeer ist bemerkenswert. In der Türkei allein stehen Dutzende gut erhaltener Theaterbauten: in Perge, Termessos (auf rund 1.000 Metern Höhe im Taurusgebirge gelegen), Myra, Side und Aphrodisias. Das Theater von Orange in der Provence besitzt die einzige noch aufrechtstehende römische Bühnenrückwand (Scaenae frons) in Originalhöhe von rund 37 Metern. In Nordafrika überraschen die Theater von Sabratha in Libyen und Bosra in Syrien mit ihrer ungewöhnlich guten Erhaltung.
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Warum diese Bauten überdauerten
Dass so viele Theater und Amphitheater die Jahrhunderte überstanden haben, ist kein Zufall. Ihre massiven Steinstrukturen eigneten sich gut zur Weiternutzung: als Festung, als Steinbruch, als Wohnraum, gelegentlich sogar als Kirche. Das Theater von Bosra in Syrien wurde im frühen Mittelalter in eine arabische Zitadelle eingebaut und blieb dadurch so vollständig erhalten, dass es bei seiner Wiederentdeckung im 20. Jahrhundert praktisch komplett war. Diese Überlieferungsgeschichte macht antike Theater zu etwas Besonderem: Sie sind keine stummen Ruinen, sondern Gebäude, die nie wirklich außer Betrieb gingen, sondern immer neue Nutzungen fanden — bis heute, wo in Epidauros, Verona und Orange der Vorhang noch immer aufgeht.