Verlorene Städte wiederentdeckt: Machu Picchu, Petra und die großen Entdeckungen
Das Verschwinden und die Rückkehr
Städte verschwinden nicht von allein. Menschen verlassen sie aus Hunger, Krieg, Seuchensterben oder dem Zusammenbruch der sozialen Ordnung, und die Natur füllt die Lücke. Dachziegel brechen ein, Holzbalken verwesen, Mauern kippen, Wurzeln sprengen Fundamente. In einigen Jahrhunderten kann eine einst blühende Stadt unter einem Dickicht aus Bäumen und Sträuchern verschwinden, bis kaum noch ein Hügel auf dem Boden an die Bebauung erinnert. Die Entdeckung einer solchen Stadt — die dramatische Erkenntnis, dass unter dem Buschwerk eine Zivilisation schlummert — gehört zu den aufregendsten Momenten der Archäologiegeschichte.
Das Wort 'Wiederentdeckung' verdient dabei eine Einschränkung. Die meisten 'verlorenen' Städte waren in Wirklichkeit niemals vergessen: Lokale Bevölkerungen wussten von ihrer Existenz, nutzten ihre Steine als Baumaterial oder bewahrten ihre Namen in Mythen und Ortsbezeichnungen. Was wiederentdeckt wurde, war das Interesse der akademischen und westlichen Welt — eine Perspektive, die zu berücksichtigen ist, ohne die Bedeutung der archäologischen Erschließung zu schmälern.
Petra: Die Rosenstadt des Wüstenbergs
Als der Schweizer Reisende Johann Ludwig Burckhardt 1812 in arabischer Verkleidung in das Gebiet der heutigen südjordanischen Wüste reiste, wusste er, dass er sich einem Ort näherte, den europäische Gelehrte seit der Antike suchten: die Nabatäerhauptstadt, die Diodor und andere antike Autoren beschrieben hatten. Burckhardt überredete seinen Begleiter unter dem Vorwand, einem Propheten ein Opfer darbringen zu wollen, ihn durch den schmalen Felsspalt des Siq zu führen. Was er sah, ließ ihn verstummen: die Wände des Siq öffneten sich auf die Fassade des Khazne, das sogenannte Schatzhaus, eingehauen in rotgoldenen Sandstein.
Petra war nie wirklich verschwunden — beduinische Stämme kannten und bewohnten die Felsenhöhlen. Aber für die europäische Wissenschaft war es eine Sensation. Die Nabatäer hatten ihre Hauptstadt zwischen ungefähr dem 4. Jahrhundert v. Chr. und der römischen Annexion im Jahr 106 n. Chr. in den Fels gehauen: Fassaden, Tempel, Gräber und Triclinia — Felssäle für Totenmahlfeiern. Heute ist Petra UNESCO-Weltkulturerbe, jährlich besucht von Hunderttausenden von Touristen, und die archäologische Erschließung des Stadtgebiets geht noch immer weiter. Unterirdische Kammern und Gräberanlagen werden noch entdeckt.
Machu Picchu: Die Inkastadt über den Wolken
Am 24. Juli 1911 kletterte der amerikanische Historiker Hiram Bingham III. an einem trüben Morgen einen steilen Gebirgshang in Peru hinauf, geführt von einem lokalen Bauern namens Melchor Arteaga. Auf einem Bergkamm in 2430 Metern Höhe über dem Urubamba-Tal fand er eine Anlage aus feinst bearbeitetem Granitmauerwerk, halb von Vegetation überdeckt, aber in beachtlicher Erhaltung: Terrassen, Tempel, Wohnhäuser und eine astronomische Ausrichtung, die auf Sommer- und Wintersonnenwende hinweist.
Bingham nannte den Ort 'Machu Picchu' nach dem nahegelegenen Berggipfel und glaubte zunächst, die letzte Inkahauptstadt Vilcabamba gefunden zu haben. Diesen Irrtum korrigierte spätere Forschung: Machu Picchu war weder eine Hauptstadt noch eine Zufluchtsstadt, sondern wahrscheinlich eine königliche Residenz des Inka-Herrschers Pachacutec, erbaut um die Mitte des 15. Jahrhunderts und nach dem Einfall der Spanier im 16. Jahrhundert verlassen. Auch hier wussten Einheimische von der Anlage — Bingham hatte lokale Hinweise gefolgt.
Heute ist Machu Picchu das meistbesuchte archäologische Denkmal Südamerikas und seit 1983 UNESCO-Weltkulturerbe. Die peruanische Regierung hat die Besucherzahlen begrenzt und ein Ticketsystem eingeführt, das bestimmte Eingangszeiten vorschreibt, um die fragilen Strukturen zu schützen. Aktuelle archäologische Projekte untersuchen die Funktion einzelner Gebäude, die Wasserversorgung der Anlage und die Identität der Menschen, die hier lebten und arbeiteten.
Troja: Die Stadt, die Homer kannte
Für die europäische Kulturgeschichte ist kaum eine Wiederentdeckung bedeutsamer als die von Troja. Heinrich Schliemann, ein deutscher Kaufmann und begeisterter Laienarchäologe, war davon überzeugt, dass Homers Ilias historische Wahrheit enthielt und dass die antike Stadt Troja auf dem Hügel Hisarlik in der Nordwesttürkei lag. Er begann seine Ausgrabungen 1870 und fand tatsächlich eine Abfolge übereinanderliegender Stadthorizonte.
Schliemann identifizierte 'sein' Troja irrtümlich als Troja II, eine Befestigungsanlage aus dem 3. Jahrtausend v. Chr., die fast tausend Jahre älter ist als die homerische Kriegserzählung. Das von Homer beschriebene Troja würde nach heutigem Forschungsstand eher Troja VI oder VIIa entsprechen, einer Stadtschicht aus der Spätbronzezeit um 1300–1200 v. Chr. Ob ein historischer Trojanischer Krieg stattfand, bleibt umstritten, aber die Stadt existierte, war bedeutend und wurde gewaltsam zerstört. Hisarlik ist heute UNESCO-Weltkulturerbe.
Angkor: Ein Dschungel enthüllt ein Reich
Der französische Naturforscher Henri Mouhot beschrieb 1860 seine 'Entdeckung' von Angkor Wat mit einer Begeisterung, die Europa in Erstaunen versetzte. Tatsächlich war der Tempel nie verlassen worden: Buddhistische Mönche lebten darin, und das Khmer-Königreich, das ihn erbaut hatte, existierte noch, allerdings in geschwächter Form, mit der Hauptstadt in Phnom Penh. Was Mouhot 'entdeckte', war ein europäischer Blick auf eine Architektur, die ihre Erbauer zu dieser Zeit bereits um Jahrhunderte überragte.
Angkor Wat, errichtet unter König Suryavarman II. in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts n. Chr., ist der größte Sakralbau der Welt nach Grundfläche: seine Außenmauer umschließt etwa zwei Quadratkilometer, und das Tempelmassiv selbst erhebt sich über mehrere Terrassen. Die von der EFEO — der französischen Schule des Fernen Ostens — im 20. Jahrhundert betriebene Anastylose, also das systematische Wiederaufstellen gestürzter Bauelemente, hat viele Bereiche der Anlage in einen vorzeigbaren Zustand gebracht, auch wenn Jahrzehnte des Bürgerkriegs in Kambodscha die Erhaltung erheblich erschwerten.
Palenque und die Maya-Inschriften
Die mexikanische Stadt Palenque in Chiapas war im frühen 19. Jahrhundert nur wenigen Europäern bekannt, als der Künstler Frederick Catherwood und der Schriftsteller John Lloyd Stephens 1840 ihre bahnbrechende Reise in die Maya-Ruinen unternahmen und in ihrem Buch 'Incidents of Travel in Central America, Chiapas, and Yucatan' der Öffentlichkeit vorstellten. Palenque hatte seine Blütezeit zwischen etwa 600 und 800 n. Chr. unter Herrschern wie Pakal dem Großen, dessen Grabkammer und Steinsarkophag Alberto Ruz Lhuillier 1952 im Inneren des Tempels der Inschriften entdeckte.
Entscheidend für das Verständnis der gesamten Maya-Zivilisation war hier weniger die physische Entdeckung als die spätere Entzifferung der Hieroglyphen: Yuri Knorozov, Tatiana Proskouriakoff und Linda Schele zeigten ab den 1950er Jahren, dass die Maya-Inschriften eine vollständige Schriftsprache bilden und historische Ereignisse aufzeichnen — Herrschernamen, Geburts- und Sterbedaten, Kriegszüge. Palenque lieferte einige der ausführlichsten Inschriftentexte der Maya-Welt und ist heute UNESCO-Weltkulturerbe.
Zimbabwe: Eine afrikanische Metropole neu bewertet
Great Zimbabwe, eine Steinbauanlage im heutigen Simbabwe aus dem 11. bis 15. Jahrhundert n. Chr., wurde von europäischen Entdeckungsreisenden im 19. Jahrhundert mit wilder Spekulation belegt: Man wollte darin phönizische, arabische oder gar sabaische Herkunft erkennen — alles, nur nicht das Werk der Vorfahren der heutigen Bevölkerung. Der Archäologe Gertrude Caton-Thompson stellte 1929 nach sorgfältigen Ausgrabungen klar, dass Great Zimbabwe eine authentisch afrikanische Schöpfung ist, das Zentrum eines Reiches, das auf dem Handel mit Gold und Elfenbein basierte und von dem Volk der Shona errichtet wurde.
Great Zimbabwe ist heute UNESCO-Weltkulturerbe und steht im Mittelpunkt des nationalen Selbstverständnisses Simbabwes — dem das Land sogar seinen Namen verdankt. Die Anlage umfasst den Großen Einfriedungsring, dessen Außenmauer aus aufgeschichtetem Granit ohne Mörtel bis zu zehn Meter hoch ist, sowie einen ausgedehnten Komplex auf dem Hügel oberhalb.
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Das Erbe der Entdeckungen
Die Geschichte der Wiederentdeckungen ist keine reine Heldengeschichte. Sie ist auch die Geschichte von Plünderungen — Schliemann entfernte Goldgegenstände aus Hisarlik, Bingham transportierte Keramik und Knochen aus Machu Picchu nach Yale —, von kolonialer Appropriation und von der langsamen Korrektur falscher Interpretationen. Die wichtigste Lektion dieser Entdeckungen ist daher eine doppelte: Erstens sind die Zeugnisse vergangener Zivilisationen zerbrechlich, und ihre Bewahrung erfordert internationale Zusammenarbeit. Zweitens gehören die Entdeckungen letztlich den Gesellschaften, deren Geschichte sie erzählen.